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Im Jahre 1906, als Antwort auf eine Anfrage von Hugo Heller, in der Freud eine Liste der größten Werke der Weltliteratur aufstellte, nannte er von allen Werken Shakespeares nur Hamlet und Macbeth.1 In der Tat erwähnt er in seinen veröffentlichten Schriften häufiger Macbeth als Hamlet. Auch in seinem Briefwechsel gibt es interessante Feststellungen dazu. Mir scheint, daß die Seite des Schauspiels, die Freud besonders anzog, sein Mangel und seine Widersprüchlichkeit war. Hamlet ist nämlich eine völlig entwickelte Figur. In der Darstellung von Macbeth bleibt dagegen vieles unklar oder nur angedeutet. Macbeth ist ein dunkler Bruder oder Schatten Hamlets; in seiner Gestalt liegt etwas Traumartiges oder Alptraumartiges. Wie Oedipus wird auch er zum Opfer eines Rätsels. Auch er muß versuchen, unbegreifliche Worte zu entziffern - Worte, die sein eigenes Schicksal bedeuten.
Hamlet und Macbeth waren beide gezwungen zu töten, und auch Macbeth wird zu einer Art von Vatermord getrieben. Wie Hamlet hat auch er seine Skrupel und leidet in der ersten Hälfte des Stückes an Gewissensbissen. In der zweiten Hälfte aber überwindet er sie. Eigentlich werden sie an seine zuvor erbarmungslose Frau übergeben. Es ist, als ob Mann und Frau ihre Rollen wechseln. Dies interessierte Freud. Um dies und andere Geheimnisse des Stückes zu erklären, bemühte er sich.
Man sollte nicht vergessen, daß alle Erwähnungen Hamlets bei Freud nur nebensächliche Bemerkungen in anderen Werken sind. Freud hatte es Ernest Jones überlassen, seine Andeutungen zu Hamlet in der Traumdeutung zu entwickeln. Jones war es auch, der im Jahre 1910 einen Artikel über Hamlet und Oedipus veröffentlichte. Ebenso überließ er Jones zuerst den Macbeth. Vielleicht dachte er, ein Brite sei fähiger, sich mit Shakespeare zurechtzufinden. 1914 aber geschah etwas, das seine Meinung änderte.
Am 17. Juli 1914 schrieb Freud an Ferenczi:
„… [ich] habe begonnen, den Macbeth zu studieren, der mich lange quält, ohne daß ich bisher die Lösung gefund