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Fast könnte man meinen, Freuds Scheu, sich mit Nietzsche zu beschäftigen, habe sich auf die Forschung übertragen. Lange Zeit scheute auch sie vor einem systematischen Vergleich zurück, dabei ist doch Nietzsches Rolle als
Wegbereiter psychoanalytischen Denkens längst anerkannt. Zwei schulenbildende Vertreter des Fachs, A. Adler und C. G. Jung haben sich explizit immer wieder auf Nietzsche berufen und sich intensiv mit seinem Denken auseinandergesetzt. Freud selbst hingegen hat stets betont, mit Nietzsches Werk nicht vertraut zu sein: Ein „gelegentlicher Versuch“, ihn zu lesen, sei „an einem Übermaß von Interesse erstickt“. Den „hohen Genuß“ der Nietzsche-Lektüre habe er sich mit der bewußten Motivierung versagt, daß er „in der Verarbeitung der psychoanalytischen Eindrücke durch keinerlei Erwartungsvorstellung behindert sein“ wollte.(93) Solche Äußerungen waren eher dazu angetan, den bis heute immer wieder gegen ihn geäußerten Plagiatsverdacht zu schüren, als ihn zu entkräften.
Ein umfassender historischer und systematischer Gesamtvergleich war also überfällig und liegt nun auf über 700 Seiten vor. Natürlich geht es auch dem Wiener Philosophen und Sozialtherapeuten Reinhard Gasser zunächst darum, den Widerspruch zwischen Freuds strikt behaupteter Unkenntnis der Philosophie Nietzsches einerseits und der offenkundigen Nähe ihrer Gedanken andererseits zu klären. Es gehört mit zu den großen Verdiensten dieser Studie, daß sie die oft erregt geführte Debatte um Freuds absichtlich verheimlichte Anleihen bei Nietzsche mit der größtmöglichen Sachlichkeit ihrer Gegenstandslosigkeit überführt, denn das unspektakuläre Ergebnis von Gassers historischen Recherchen lautet: Es gibt keinen Grund, Freuds Aussage zu bezweifeln, er habe Nietzsche nie näher studiert, wenngleich es natürlich „schlechterdings denkunmöglich“ sei, daß Freud von der damaligen Wiener Nietzsche-Euphorie nichts wahrgenommen habe. (26) Nietzsches Gedanken waren seit den siebziger Jahren ubiquitär