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Die Namen Adorno, Horkheimer und Marcuse waren in der Studentenbewegung der sechziger Jahre jedem geläufig. Man bezog sich auf ihre Texte, erwartete von den Autoren aber auch tatkräftige Unterstützung. Daß die Arbeiten dieser Vertreter der „Kritischen Theorie“ sich auf die Psychoanalyse stützten, war allgemein bekannt. Sie trugen im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre zu einer Wiederentdeckung bestimmter Dimensionen der Psychoanalyse bei und eröffneten - nicht nur in diesem Land - neue Fragehorizonte, besonders hinsichtlich des Freudschen Begriffs der „Kulturarbeit“. Aber was diesen drei Sozialwissenschaftlern die Psychoanalyse bedeutete, wenn sie diese als Instrument der Kritik nutzten, zugleich jedoch selbst kritisierten, wurde vielen nicht ganz klar.
Auf alle Fälle konnte Alexander Mitscherlich 1968 im SPIEGEL schreiben: „Durch Herbert Marcuse haben die Studenten von der Psychoanalyse gelernt, daß das Bewußtsein nicht nur von materieller Umwelt, sondern auch von der Dynamik der Triebe und deren Schicksal bestimmt wird (für den autoritär kommunistischen SDS-Flügel scheint das immer noch ein bürgerliches Vorurteil)“ (Der Spiegel, Heft 22, 1968, S. 81-84; Mitscherlich, GS 6, S. 315). Was damals ganz selbstverständlich erschien, wirft mehrere Jahrzehnte später Fragen auf: Wieso erfuhren die deutschen Studenten ausgerechnet von einem Philosophen etwas über Psychoanalyse - und nicht von einem Analytiker? Was hat Marcuse von der Psychoanalyse aufgenommen? Was hat er daraus gemacht? Und was versprachen sich die revoltierenden Jugendlichen und Studenten davon?
Herbert Marcuse2 gehörte seit 1933 zu der Gruppe von Philosophen und Sozialwissenschaftlern, deren gemeinsame Forschungsperspektive „Kritische Theorie der Gesellschaft“ genannt wird.3 Institutioneller Bezugspunkt dieses Kreises, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch „Frankfurter Schule“ heißt, war das Institut für Sozialforschung, eine unabhängige Stiftung, deren Direktor Max Horkheimer4 1930 wurde.