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Im Jahr 1921 behandelte Ludwig Binswanger in seiner Privatklinik Bellevue in Kreuzlingen drei Monate lang eine junge Frau, deren Krankengeschichte er 23 Jahre später unter dem Pseudonym „Ellen West“ veröffentlichte.2 Seine Studie, 136 Druckseiten lang, stellt zunächst die Krankengeschichte dar und diskutiert sie dann unter dem theoretischen Konzept der Daseinsanalyse, jener genuin Binswangerschen Zusammenschau von Psychoanalyse und Existentialphilosophie. Man kann sagen, der Fall war für die Daseinsanalyse paradigmatisch.
Ich möchte diesen Fall und Binswangers Sicht unter der Fragestellung vorstellen, ob der Verlauf der Erkrankung und Behandlung dieser Patientin und der diagnostische Prozeß etwas mit der Übertragung zu tun hatten und wie die Arzt-Patient-Beziehung sich auf Diagnose und theoretisches Verständnis ausgewirkt hat. Ich werde dabei in vier Schritten vorgehen:
Im ersten Teil werde ich zusammenfassen, was wir aus Binswangers Aufsatz über Ellen West wissen;
im zweiten Teil werde ich unveröffentlichtes Material aus der Originalkrankengeschichte präsentieren, das den Behandlungsverlauf in ein neues Licht rückt;
im dritten Teil werde ich die Stimmen der Patientin, ihres Mannes und der beteiligten Ärzte aus neu entdeckten Quellen sprechen lassen;
im vierten Teil möchte ich diskutieren, welche Fragen diese neuen Dokumente aufwerfen und ob sie für das Verständnis des diagnostischen Prozesses und der Interpretation der Krankengeschichte Neues ergeben.
Ludwig Binswanger wurde 1881 in Kreuzlingen geboren. Sein Großvater Ludwig Binswanger sen. 3 hatte 1857 das „Bellevue“ als eine kleine familien- und sozialtherapeutisch orientierte psychiatrische Privatklinik