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Hermeneutik, ursprünglich die Kunst der Interpretation von Texten, hat es seit Dilthey und Heidegger mit menschlichem Sinnverstehen überhaupt zu tun. Ob sie sich auch in der Psychopathologie anwenden läßt, ist umstritten, weil hier seelische Erlebens- und Verhaltensweisen zur Interpretation anstehen, die als unsinnig und deshalb unverständlich auffallen. Aus diesem Befund lassen sich zwei gegensätzliche Schlußfolgerungen ziehen. Die eine lautet, daß Defizitphänomene („Störungen“ bzw. „Krankheitssymptome“) vorliegen, die per se keinen Sinn haben; die andere, daß der Sinn der Symptome verborgen sei. Im ersten Fall hat die Hermeneutik in der Psychopathologie nichts zu suchen, im zweiten Fall steht sie vor der schwierigen Aufgabe, im scheinbar Sinnlosen einen Sinn zu entschlüsseln.
Sowohl Sigmund Freud wie Ludwig Binswanger suchen in ihren Schriften einen hermeneutischen Zugang zu psychopathologischen Phänomenen, um jenseits der Unterscheidung von gesund und krank deren ‚positiven‘ Sinn zu eruieren. Uns interessiert, welche Wege sie dabei einschlagen. Um das herauszuarbeiten, sollen Freuds Interpretation der Pferdephobie des kleinen Hans1 und Binswangers Darstellung einer Absatzphobie2 miteinander verglichen werden. Um es vorweg zu nehmen: Beide gelangen zu ganz unterschiedlichen Resultaten, weil sie ein unterschiedliches Vorverständnis von Sinn mitbringen: Freud begreift Sinn als Absicht, Binswanger hingegen als nichtintentionalen Bedeutungsgehalt. Jeder hat also den umgangssprachlich mehrdeutigen Sinnbegriff auf eine Bedeutung festgelegt. Es scheint deshalb ratsam, dem Vergleich eine knappe allgemeine Klärung des Sinnbegriffs vorauszuschicken.
Zuerst ist der hermeneutische von einem praktisch-normativen Sinnbegriff zu unterscheiden. Sowohl Freud wie Binswanger nehmen „Sinn“ als hermeneutische Kategorie in Anspruch, d.h. sie verwenden den Begriff dann, wenn sie sagen wollen, daß es etwas zu verstehen gibt. Dieser Gebrauch von „Sinn“ wird häufig mit einem praktisch-normat