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Durch Zufall begegnete ich in einem klinischen Zusammenhang nach langer Zeit dem Konzept des falschen Selbst wieder. Es tauchte in einer Falldiskussion auf und machte den in der Analyse offenkundig eingetretenen Stillstand verstehbar. Der Begriff konnte die steril erscheinende therapeutische Beziehung mit den spezifischen aktuellen Objektbezügen und denen der Kindheit auf eine sinnvolle Weise verbinden. Danach fragte ich mich, was wohl aus diesem Begriff falsches Selbst bzw. dem ursprünglich von Winnicott geprägten Begriffspaar wahres Selbst - falsches Selbst geworden ist. Sind sie in die Jahre gekommen oder sogar verschwunden? Ich will zunächst die von Winnicott vorgenommene Definition vorstellen, dann - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - einen Streifzug durch die englischsprachige und deutsche Fachliteratur machen und schließlich die dabei gewonnenen Befunde hervorheben und diskutieren. Dabei verstehe ich meine Arbeit auch als kleinen Beitrag zur Konzeptforschung, in der es u. a. um die Frage geht, welchen tatsächlichen, jeweils persönlichen Gebrauch Psychoanalytiker von objektivierten Begriffen (Theorien) machen, und was das wiederum über die Validität der Theorien aussagt (vgl. Dreher 1998).
Winnicott veröffentlichte 1965 den im Jahre 1960 entstandenen Aufsatz „Ich-Verzerrung in Form des wahren und des falschen Selbst“. Er ist die Ausarbeitung früherer Ideen, die in verschiedenen Arbeiten verstreut zu finden sind. Zur klärenden Definition werde ich mich im wesentlichen auf die erstgenannte Arbeit beziehen.
Für Winnicott ist das FS vor allem ein klinisches Konzept, das sich aus der analytischen Arbeit mit Borderline-Patienten ergeben hat. Aus den Fallbeispielen wird erkennbar, warum er den Begriff FS1 geprägt hat. Er meint, eine Analyse könne „endlos weitergehen“, weil sie „auf der Grundlage einer Arbeit mit dem falschen Selbst durchgeführt wird“, ohne daß es erkannt werde (Winnicott 1960b, S.