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In reichlich 17 Jahren wechselten die beiden Frauen an die 450 Briefe, von denen die erhaltenen 419 in den vorliegenden beiden Bänden abgedruckt sind. Der Briefwechsel umfaßt die Zeit, in der Anna von einer jugendlichen Tochter zur Partnerin und Nachfolgerin ihres Vaters und zur selbstbewußten Psychoanalytikerin wurde. Es gibt bisher kein veröffentlichtes Dokument, das diesen Weg so genau und dicht kommentiert, wie die Briefe an und von Lou.
Gleich in einem der ersten Briefe findet sich ein ausführlicher Bericht über einen mehrtägigen Aufenthalt Annas in der von August Aichhorn gegründeten und geleiteten Fürsorge-Erziehungsanstalt für delinquente Jugendliche in St. Andrä. Hier zeigt sich schon ihr Einfühlungsvermögen und ihre Begabung für die Arbeit mit schwierigen Kindern und Jugendlichen: „Meine liebe Lou, jetzt war ich wirklich drei Tage lang bei Aichhorns Dieben, Vagabunden und Messerstechern und bin ganz erfüllt von allem Gesehenen zurückgekommen … die meisten Zöglinge [haben] Arges, viele sogar ganz Schreckliches hinter sich, was ich aber den freundlichen und sympathischen Gesichtern nie glauben wollte. Und leider haben sich sogar immer die mir als die nettesten erscheinenden nach Befragen Aichhorns als die mit der bedenklichsten Laufbahn hinter sich herausgestellt. Dieses Nette und Höfliche ihres äußeren Wesens spiegelt - denke ich mir - die Art, in der die Erwachsenen mit ihnen umgehen und rührt auch wohl daher, daß sie sich sicher fühlen, es könne ihnen kein Unrecht geschehen (sie kommen bei jedem Konflikt mit einem Erzieher gleich zu Aichhorn, der dann schlichten und versöhnen muß, bis beide Teile befriedigt sind), und daß man ihnen außerdem harmlose Wünsche gerne erfüllt, ihnen ein Stück Freiheit läßt und vermeidet, sie durch Pedanterie in Regeln und Vorschriften zu erbittern und Kleinigkeiten lieber mit etwas Humor abtut anstatt sie unnötig aufzubauschen“ (18.1.1922).
Ein paar Monate später, am 31.Mai 1922, hält Anna vor der Wiener Psychoanalytischen Verei