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„Die Wiener Gruppe ist begreiflicherweise wieder einmal weniger mit psychoanalytischer Wissenschaft als mit den äußeren Ereignissen beschäftigt, von denen ihre Möglichkeit, diese Wissenschaft zu betreiben, abhängt. Die Analytiker scheinen sich diesbezgl. nicht anders zu verhalten als die übrige Wiener jüdische Bürgerschaft. Einer kurzen sehr heftigen Panik folgt eine große Zuversicht zur gegenwärtigen Regierung. - In der Panikzeit wurde vom Vorstand die Parole ausgegeben: „Nicht emigrieren!“ Die war nicht nur als momentane Beruhigung gemeint, sondern geschah deshalb, weil der Vorstand tatsächlich der Meinung ist, ein Zerfall der Wiener Gruppe könnte einen Zerfall der Psychoanalyse überhaupt bedeuten, und der deshalb die Wiener Gruppe so lange wie möglich Zusammenhalten will. Angeblich richten sich alle nach dieser Losung. Ich habe den Verdacht, daß jeder Einzelne sich doch für den Notfall Emigrationsmöglichkeiten zu sichern sucht“ (Fenichel 1998, S. 741).
Der Wiener Psychoanalytiker Otto Fenichel, der 1933 von Berlin nach Oslo emigrierte, schrieb diese Zeilen an seine Kollegen in einem seiner geheimen Rundbriefe kurz vor dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich. Bevor er das Schreiben abschicken konnte, fügte er am 14. März 1938 handschriftlich hinzu: Nebbich!
Fenichels 119 Rundbriefe (1998), die er zwischen 1934 und 1945 verfaßte, stellen für die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung und für die Emigrationsforschung eine einzigartige Quelle dar, weil sie einen Einblick in die Binnenstruktur der Psychoanalyse bieten und genau die Veränderungen in Theorie und Praxis erhellen, die durch den Bruch der Vertreibung entstanden. Im folgenden darstellenden Teil I unseres Beitrages zur Emigration der Wiener Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker wird diese Quelle mehrfach herangezogen, unser Text basiert aber vorwiegend auf den Daten, die das Biographische Lexikon der Psychoanalyse (1992) zu den 149 Mitgliedern der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft