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Die Vertreibung intellektueller Eliten in den 1930er Jahren stellt die einschneidendste Zäsur in der neueren Kultur- und Wissenschaftsgeschichte Österreichs dar. Das Erbe des Fin de siècle mit seinen Innovationen in Kunst, Literatur, Architektur, Musik, Philosophie, Medizin und Psychologie wurde spätestens 1938 endgültig zerstört. Obwohl die kulturellen Leistungen Österreichs vor 1938 in zahlreichen Publikationen, Dokumentationen und Großausstellungen dargestellt wurden und nicht zuletzt ausländische Forscher in ihrer Arbeit anregten,3 haben inländische Nachforschungen über den Verbleib der vertriebenen Kultur erst spät eingesetzt.4
Der intellektuelle Exodus führte zu einem Kultur- und Wissenschaftstransfer von Mitteleuropa vor allem in die englischsprachige Welt, insbesondere in die USA.5 Dies trifft vor allem auch für das „Psychologische Wien“ der Zwischenkriegszeit zu, für die Schulen und Mitarbeiter von Sigmund Freud, Alfred Adler und Karl Bühler. Das Wien der Jahrhundertwende, das zugleich Wiege der Moderne und „Versuchsstation des Weltuntergangs“ (Karl Kraus) war, um schließlich zur „Welt von Gestern“ (Stefan Zweig) zu werden, war die Geburtsstadt der Psychoanalyse. Diese sollte das moderne Bild vom Menschen, das psychologische Denken und fast alle psychotherapeutischen Schulen des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflussen. Aus einer Abspaltung der Psychoanalyse entstand im Jahr 1911 die individualpsychologische Schule Alfred Adlers, die in den pädagogischen Reformen des „Roten Wien“ durch ihre Erziehungsberatungsstellen, durch Aktivitäten in der Lehrerausbildung, in einer Versuchsschule und in der Erwachsenenbildung eine Blütezeit erlebte. Mit der Errichtung einer Professur für Karl Bühler im Jahr 1922 bekam schließlich die moderne akademische Psychologie in Wien eine Heimstatt.