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Freuds letzte große Arbeit, Der Mann Moses und die monotheistische Religion, ist ein Phänomen: bis zum heutigen Tag löst sie Verärgerung und Unverständnis, aber auch fruchtbare Diskussionen und Kontroversen aus, wie es zuvor wahrscheinlich nur die Einführung des Todestriebes vermocht hatte. Sie regt zu Interpretationen und Deutungen an, und man kommt, einmal in die Auseinandersetzung hineingeraten, nur schwer wieder von diesem Buch los.
So erging es auch dem New Yorker Philosophieprofessor Richard J. Bernstein, dessen ursprünglich 1998 erschienene Moses-Analyse jetzt in deutscher Übersetzung erschien. Seine Interpretationslinie bezieht sich vor allem auf das Thema der Tradierung, d. h. auf die Tradierung des Wesens des Jüdischseins. In begleitender Auseinandersetzung mit den Überlegungen von Derrida, Assmann und Yerushalmi zu Der Mann Moses verfolgt Bernstein akribisch und geduldig Freuds verschlungen-mäandernde Argumentationswege und gelangt zu der Erkenntnis, daß die Latenzzeit und die Wiederkehr des Verdrängten die zentralen und wichtigsten Prozesse der Tradition sind. Und: »Was an einer Tradition lebendig ist, ist nicht nur vorbewußt, sondern wahrhaft unbewußt« (S. 107). Freud habe mit Der Mann Moses seinen Kollegen ein Testament hinterlassen wollen, in dem er daran erinnert, »daß die Psychoanalyse