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Im Mai 1948 veröffentlichte Margarethe (Margit) Freud, die älteste Tochter von Freuds Schwester Maria, in der Neuen Zürcher Zeitung einen Artikel, in dem sie behauptete, ihre Schwester Lilly Freud-Marlé sei das Vorbild für das bekannte Lied »Lili Marleen« gewesen.1 Nebenbei schrieb sie auch: »Sie [Lilly] hat eben eine Sigmund Freud-Biographie beendet«. Da der Artikel von Margarethe Freud im wesentlichen frei erfunden ist, erschien auch diese Bemerkung zunächst wenig glaubhaft. Um so größer die Überraschung, als einem von uns [C. T.] im Sommer 2003 ein 383 Seiten langes Typoskript in die Hände fiel, bei dem es sich offensichtlich um die in Rede stehende Biographie handelte. Das Typoskript trägt den Titel SIGMUND FREUD. Aus den Memoiren seiner Nichte Lilly Freud-Marlé. Aufgrund einiger eingestreuter Zeitangaben kann man annehmen, daß es zwischen Juni 1945 und Herbst 1947 entstanden ist. Ihm sind die hier vorgelegten Auszüge entnommen. Der vollständige Text wird im Frühjahr 2006 im Aufbau-Verlag (Berlin) erscheinen (hg. von Ch. Tögel). - Die Reihenfolge der in LUZIFER-AMOR wiedergegebenen Auszüge entspricht der Abfolge im Original. Die Zwischenüberschriften stammen von den Herausgebern. Es bleibt den Lesern überlassen abzuwägen, wieviel an diesen Stücken der Erinnerung geschuldet ist und wieviel dem offensichtlichen Sinn der Autorin für Dramatik und Effekt.
[In Wien] lebt die Familie [von Jakob und Amalia Freud, den Eltern Sigmunds] in kleinen Verhältnissen, und das Nest mit den heranwachsenden Kleinen wird vom fürsorglichen Vater und der überaus tüchtigen Mutter wohl versorgt und die Kinder gepflegt und erzogen. Mit Stolz und Freude berichtet die Mutter, wie sie die Kinder, schon in der Schule und voll Temperament, alle sieben so wundervoll zu beschäftigen weiß, daß, als ein Gast einmal fragt: »Ja sind denn Ihre Kinderchen nicht zuhause?«, sie ihm lächelnd eine Türe öffnet und ihm alle sieben mäuschenstill und wohlbeschäftigt in der wohnlichen Stube zeigt.