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Kernstück des Buches ist die kommentierte Neuausgabe der Anfang der 1930er Jahre an abgelegener Stelle erschienenen und fast unbekannt gebliebenen Autobiographie von Anna Bernays, Freuds ältester Schwester, die 1892 mit ihrer Familie nach Amerika ausgewandert war, ergänzt durch ihre Erinnerungen an Freud. Hat der Text den Reprint verdient? Ich meine: ja.
Einmal der Erzählerin und ihrer Geschichte wegen. Hinter dem unprätentiösen, ja naiven Ton wird das Leben einer eindrucksvollen Frau sichtbar. Mit 16 Jahren bereits gibt sie Lektionen (zu denen sie auf Milch- und Brotwagen fährt, deren Kutscher sie mitnehmen); in ihrem Salon verkehrt Jung-Wien; wegen einer nächtlichen Fata Morgana weckt sie bei einer Schiffsfahrt alle Mitreisenden auf; sie hält 1914 in der Schweiz auf dem Hoteltisch eine flammende Rede pro Th. W. Wilson und plaudert mit der Schratt, der Schauspielerin und Freundin des Kaisers. Ihre Mischung von Weltbürgertum und Verwurzeltsein in Tradition und Herkunft fasziniert: sie ist polyglott, viel auf Reisen, doch bleibt sie in New York der deutschen Sprache treu und beschäftigt Wiener Dienstmädchen; sie wächst mit Schiller, Goethe, Ibsen und Richard Wagner auf, bildet aber während eines Aufenthaltes in Ungarn mit einem Londoner Paar und einer New Yorkerin »eine amerikanische Kolonie«, die den Ungarn »ein wenig Kultur« beibringt (S. 147).
Indirekt können wir uns auch ein Bild ihres Mannes machen: Eli Bernays, der erfolgreiche Selfmademan, Bruder von Freuds Frau Martha, der vielleicht auch deswegen emigriert, um Alimentationszahlungen zu entkommen; der seiner Frau Luxus und Reisen ermöglicht; ein launischer Paterfamilias, den seine Kinder fürchten und der einsame Entscheidungen trifft (Anna liest in der New York Times vom Hauskauf ihres Mannes); der in verschiedene Kirchen zur Messe geht, um englisch zu lernen; der großherzig spendet und doch unbedankt bleibt.
Drittens die Erinnerungen an ihren Bruder. Köstlich das Bild, wie der junge »Sigi« in seinem Kabinett si