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Eins vorweg: von den 233 Seiten Text (der Rest sind Anmerkungen und Bibliographie) befassen sich nur 101 direkt mit Freud, insofern ist der Titel etwas irreführend. Zunächst bietet das Buch eine kenntnis- und detailreiche, manchmal auch redundante Schilderung der kulturellen Entwicklung Österreichs, vor allem Wiens, im 19. Jahrhundert, mit spezieller Berücksichtigung der Einstellung zur griechischen und römischen Antike; und vor diesem Hintergrund geht es dann um Freud. Breiter Raum wird der Entwicklung in Philologie, Philosophie, Architektur, Malerei und Dichtung gewidmet, die in Bezug zu teilweise gegensätzlichen Entwicklungen in Deutschland, der Schweiz oder Frankreich gesetzt wird.
Die Rückwendung der »Moderne« zum antiken Griechenland trug nach LeRider auch »polemische Züge« und kam oft »einer Ablehnung des römischkatholischen Kultursystems« und einer Kritik an der Habsburgermonarchie gleich, »die sich als Erbin und Nachfolgerin des kaiserlichen Rom« sah (S. 14 f.). Paradoxerweise sei so die Moderne zur Vertreterin von Idealen der »Alten« geworden. LeRider zeigt z. B., wie sich die Kontroversen um die Rolle der Antike in Änderungen der gymnasialen Lehrpläne (zunehmende Reduzierung des Latein- und vor allem Griechisch-Unterrichts) und in der Herausbildung neuartiger Schultypen (Realschule neben dem humanistischen Gymnasium) niederschlugen. Freud »fand sich zwischen diesen beiden Welten wieder« (S. 29): er absolvierte zwar ein Realgymnasium, hatte aber als Wahlfach Griechisch zusätzlich zu Latein.
Bei der Schilderung all dieser Dinge bleibt bisweilen unklar, nach welchen Relevanzkriterien, speziell in bezug auf Freud, dieser oder jener Maler, Dichter, Gelehrte usw. relativ breit behandelt wird und ein anderer nicht. Während die Diskussion von Vater und Sohn Gomperz (S. 127 ff.) oder die Einordnung der Breuer-Freudschen »kathartischen Therapie« in den Katharsis-Diskurs von Aristoteles bis Goethe, Nietzsche, Jacob Bernays und Burgtheater-Direktor Alfred von Berger fr