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In Deutschland ist es möglich, eine kinderpsychoanalytische Ausbildung zu machen, ohne von Françoise Dolto zu hören. In Frankreich wäre das undenkbar. Die »Großmutter der Nation«, wie manche sie in höherem Alter nannten, wurde 79 Jahre alt. Sie starb im August 1988 an Lungenfibrose. Drei Monate vor ihrem Tod gab sie ihrem Kollegen Alain Manier ein langes Interview, das als »Selbstporträt« jetzt in 2. Auflage erschienen ist. Dolto erzählt darin sehr offen und persönlich von ihrer Kindheit in Paris, den fortwährenden Problemen mit ihrer schwierigen Mutter, ihrer Tätigkeit als Krankenschwester, ihrem Medizinstudium (1932-1937), der psychoanalytischen Ausbildung und ihrem lebenslangen Engagement für auffällige und gestörte Kinder. Sie machte ab 1934 ihre Lehranalyse bei René Laforgue, dem Mitbegründer der Société psychanalytique de Paris. Ein Jahr zuvor hatte ihr jüngerer Bruder Philippe Marette, der ebenfalls Psychoanalytiker wurde, seine Analyse bei ihm beendet. Dolto war verheiratet mit einem russischstämmigen Arzt, mit dem sie drei Kinder hatte. Mit Jacques Lacan war sie entgegen häufiger Annahme weder näher bekannt, noch war sie einverstanden mit seiner Einführung der Kurzsitzungen und seiner Art der Selbstdarstellung. Jedoch gehörten beide zur zweiten französischen Psychoanalytiker-Generation, und sie traten zusammen mit Daniel Lagache und Juliette Favez aus der o. g. Société aus, um die Société française de psychanalyse zu gründen, eine Institution, die nicht in die IPV aufgenommen wurde. Im »Selbstporträt« beeindruckt vor allem die Art von Dolto, sich von suggestiven, bewundernd-idealisierenden Bemerkungen des Interviewers nicht fangen zu lassen, sondern sehr eigenwillig und erstaunlich wenig narzißtisch auf ihn einzugehen. Dolto war bis zu ihrem Tod erfüllt von Leidenschaft für ihre Arbeit mit der Psychoanalyse, was für sie nicht im Widerspruch zu ihrer Religiosität stand. Auch hierin war sie eigenwillig und radikal: für sie gehörte es zur »ehrlichen Anwendung