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Vor 50 Jahren, zum 100. Geburtstag Freuds, erschien in der Wiener Arbeiter-Zeitung ein Feuilleton mit der Überschrift »Der Galilei des 20. Jahrhunderts«. Die Autorin Grete Helfgott bezog die Analogie auf die wohlbekannte (aber fiktive) Geschichte, wonach Galilei vor dem Inquisitionsgericht auch angesichts des drohenden Todes daran festhielt, daß nicht wir Menschen mit unserer Erde der Mittelpunkt der Welt sind. Es habe lange gedauert, bis sich die Menschen von der Richtigkeit seiner Erkenntnis überzeugen ließen: »Denn dies bedeutete eine völlige Änderung ihrer bisherigen Vorstellungswelt; noch dazu eine, die ihr Selbstgefühl erschüttern mußte.« Damit spielte die Autorin auf Freuds Rede von der Psychoanalyse als dritter narzißtischer Kränkung der Menschheit an. Ich komme darauf und auf den Vergleich zwischen Freud und Galilei nachher zurück.
Mehr noch als 1956 erleben wir in diesem Freud-Jahr eine Flut höchst unterschiedlicher Versuche, Person und Werk Sigmund Freuds zu würdigen. Am heutigen Tag, dem eigentlichen Geburtstag, finden vielerorts Gedenkveranstaltungen statt. Die zum Freud-Jahr erschienenen Bücher decken ein breites Spektrum ab, das von Lobeshymnen - »Der Denker des 20. Jahrhunderts« - bis zu polemischen Abqualifizierungen reicht; Der Wiener Quacksalber heißt ein soeben auf deutsch erschienenes Buch. Häufiger als solche offen feindselige Einstellungen sind versteckte Anzeichen von Ambivalenz. Sie kennen vielleicht das schöne Beispiel der Inschrift auf dem Gedenkstein im Wiener Sigmund Freud Park: »Die Stimme der Vernunft ist leise« - ein Zitat, dessen Sinn durch eine kleine Verfälschung und Verkürzung geradezu ins Gegenteil verkehrt wird. Kurt R. Eissler hat das in einem beißend ironischen Aufsatz aufgespießt,