You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Jubiläen zeitgeschichtlich bedeutender Personen sind immer eine Herausforderung für die Forschung und wecken den Ehrgeiz, ihre Persönlichkeit, ihr familiäres und intellektuelles Wirken neu zu untersuchen. So wurde das Gedenkjahr zum 150. Geburtstag Freuds Anlaß vielfältiger Publikationen, in denen auch scheinbar weniger bedeutsame familiäre und zeitgeschichtliche Aspekte thematisiert werden. Eines dieser Bücher sind die 1944-47 niedergeschriebenen Erinnerungen einer Nichte von Freud. Ihre Entdeckung ist der Findigkeit des Herausgebers Christfried Tögel zu verdanken, der im Sommer 2003 in der Library of Congress in Washington auf ein bis dahin nur als Gerücht durch die Freud-Forschung geisterndes, 383 Seiten umfassendes Typoskript stieß mit dem Titel »SIGMUND FREUD. Aus den Memoiren seiner Nichte Lilly Freud-Marlé«.
Lilly (Elisabeth) Freud-Marlé wurde als zweite Tochter des Ehepaares Maria/Mitzi, der dritten Schwester Sigmunds, und Maurice Freud am 22. November 1888 in Wien geboren. Die ersten zehn Lebensjahre verbrachte sie in ihrer Geburtsstadt: hier lebte sie mit ihren Eltern und den beiden Schwestern Margarethe und Martha (Tom) im IX. Bezirk in der Grünen Thorgasse 14 im unteren Stockwerk; die Großeltern Jakob und Amalie Freud, die Eltern Sigmunds, hatten ihre Wohnung im 1. Stock - wenige Gehminuten von der Berggasse 19 entfernt, wo Sigmund und seine Familie ab 1891 wohnten. Der familiäre Kontakt war intensiv in diesen Jahren: die sechs Kinder der Berggasse, geboren zwischen 1887 und 1895, spielten häufig zusammen mit den drei Schwestern der Grünen Thorgasse, geboren zwischen 1881 und 1892 -»Tante Martha«, Sigmunds Frau, führte ein offenes, gastfreundliches Haus. Aber auch in späteren Jahren, als Lilly mit ihren Eltern nach Berlin übersiedelt war, riß der Kontakt zur Wiener Verwandtschaft nicht ab. Lilly wurde Schauspielerin und Diseuse. Mehrfach erwähnt sie Onkel Sigmunds wohlwollendes Interesse an ihren beruflichen Erfahrungen, berichtet von seinen Ermutigungen