You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Die Psychoanalyse hat überlebt, aber sie hat ihre charismatische Kraft verloren.« Mit diesen Worten schließt die Einleitung von Eli Zaretskys Gesamtdarstellung der Geschichte der Psychoanalyse. Und im Epilog führt er weiter aus: »Nicht überlebt hat möglicherweise die psychoanalytische Ethik der Selbsterforschung und, in einem allgemeineren Sinn, die Kultur des persönlichen Lebens, deren Symbol jenes Ethos war.« Der melancholische Tenor dieses Rückblicks auf »Freuds Jahrhundert« erklärt sich aus der großen These, die Zaretsky vorträgt: Die Psychoanalyse sei am Vorabend des 20. Jahrhunderts entstanden, getragen von jenem »dreifachen Versprechen der Moderne«, das persönliche Autonomie, Frauenemanzipation und Demokratie verhieß. Ihr komme für die Herausbildung der modernen, auf einem autonomen politischen Individuum und Konsumenten basierenden Industriegesellschaft eine ähnliche Bedeutung zu wie dem Kalvinismus für die Herausbildung des Kapitalismus im 17./18. Jahrhundert. Ihre Blütezeit habe in den 1970er Jahren ihren Abschluss gefunden. Zwar sei sie Ende der 1960er Jahre noch einmal ins Zentrum des politischen Geschehens gerückt, doch sei diese Politisierung zugleich das Fanal ihres Niedergangs geworden: der Kampf um die Anerkennung kultureller und politischer Identitäten habe die Suche nach dem eigenen Selbst in den Hintergrund gedrängt, und mit der Kultur des persönlichen Lebens habe auch die Psychoanalyse ihre historische Kraft verloren.
Zaretskys Verweis auf Max Webers Protestantismusthese zeigt die fast philosophische Flughöhe, aus der er auf die Geschichte der Psychoanalyse blickt. Mit diesem Anspruch setzt er einen erfreulichen Kontrapunkt zu der sich oft in biographischen, ideen- oder institutionengeschichtlichen Teilaspekten verlierenden Literatur, bei der die großen historischen Linien leicht verlorengehen. Zaretsky hält dem eine holistische Sicht entgegen: Er betrachtet die Psychoanalyse nicht als isolierte wissenschaftliche Disziplin, sondern verbindet sie