You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Je bewegter die Zeit, je katastrophischer der Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung, desto weniger entsprechen die in sie eingelassenen Biographien dem Idealbild eines »Lebensplans« oder dem (klassischen) Bildungsroman. Deutlich tritt dann hervor, in welchem Maße unser Leben vom Zufall abhängig ist, von dem sozialen Ort, an dem wir uns finden, von den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen, der Wirtschaftsentwicklung und der internationalen Politik, von Begegnungen und von Chancen, die sich uns ohne unser Zutun eröffnen, während altbekannte Wege plötzlich nicht mehr gangbar sind. Die »Lebensbahn« wird zum Zickzack, und das Subjekt, das aus dem Experimentieren nicht herauskommt, wird sich selbst und anderen zum Rätsel. Der Wunsch, dieses Rätsel zu lösen, dem verstörten und verworrenen Leben auf die Sprünge zu kommen und am Ende vielleicht doch so etwas wie eine verborgene Teleologie darin zu entdecken, motiviert den Literaten zum Schreiben einer Autobiographie. Sie ist der letzte und großartigste seiner Versuche, die opake Lebenswelt zu verstehen und die eigene Lebenspraxis zu rechtfertigen.
Der Arzt und Zeitdiagnostiker Alexander Mitscherlich, der als eine »one man army« (Erik H. Erikson) seinen (west-)deutschen Landsleuten nach dem Elend der Hitlerdiktatur die Freudsche Psychoanalyse als ein Antidotum »aufgezwungen« hatte (Kurt R. Eissler), gab seinen Memoiren den überwölbenden Titel Ein Leben für die Psychoanalyse. Bei der autobiographischen Sinnstiftung geht es nicht ohne Selektion und Zensur, nicht ohne Exklusionen und Beschönigungen ab. Haben die früheren Mitscherlich-Biographen (Lohmann; Hurson)2 sich an der Autobiographie orientiert, so hat Martin Dehli, gestützt auf Mitscherlichs Korrespondenz und andere Dokumente, dessen Selbststilisierung durchbrochen. Er macht uns mit dem frühen Mitscherlich näher bekannt, der noch kein Demokrat, auch kein Freudianer und schon gar nicht ein Repräsentant der deutschen Linken war. Die neue Biographie zeigt, auf welch m