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Alexander Mitscherlich steht nicht nur für die Renaissance der deutschen Psychoanalyse nach 1945, sondern auch für eine spezifische Art der Zeitkritik, die der sich entfaltenden kritischen Öffentlichkeit in der Bundesrepublik entscheidende Stichworte lieferte. In den 1960er Jahren, als ein Modernisierungsschub die deutsche Gesellschaft ergriff und sie offener, diskussionsfreudiger und demokratischer machte, entfaltete Mitscherlich seine größte Wirkung als Gesellschaftskritiker. Zugleich entstand damals in der Öffentlichkeit jenes Bild von ihm, das sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt hat.
Dieser Aspekt von Mitscherlichs Wirken wird von dem Historiker Tobias Freimüller zum ersten Mal umfassend untersucht und in den Kontext seiner Biografie eingeordnet. Indem Freimüller eine biografische mit politikgeschichtlichen Perspektiven und einer genauen Rezeptionsanalyse verbindet, gelingt es ihm, Fragen zu stellen und zu beantworten, die in der bisherigen Literatur zu Mitscherlich allenfalls am Rande in den Blick gekommen waren: Wie rückte der Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich in die Rolle des kritischen Intellektuellen ein, der sich zu tagesaktuellen Fragen äußerte, die weitab vom psychoanalytischen oder medizinischen Fachdiskurs lagen? Warum fanden seine Diagnosen ein so breites Echo in Presse, Radio und Fernsehen? Warum trafen Mitscherlichs Formulierungen - von der »Unfähigkeit zu trauern« bis zur »Unwirtlichkeit unserer Städte« - ein ums andre Mal den Nerv der Zeit und ließen ein zuvor vages Problembewusstsein in eine polemische Debatte münden? Freimüller knüpft ein überaus feinmaschiges Netz zeitgenössischer Bezüge und arbeitet so das große Thema seiner Studie heraus, das vom Titelbild des Buches treffend symbolisiert wird: Mitscherlich im Kreise seiner Zuhörer, die diskursive Beziehung zwischen dem Gesellschaftskritiker und der deutschen Öffentlichkeit.
Mitscherlichs Leben vor Kriegsende ist für diese Perspektive von geringerer Relevanz und wird deshal