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Wer in einer Buchhandlung in Kristevas Band Das weibliche Genie blättert, wird irritiert sein. Der Untertitel lautet - nun, nicht gerade »Menschen, Tiere, Sensationen«, aber »Das Leben, der Wahn, die Wörter«. Warum? Und natürlich hat ein deutscher Leser mit dem Genie-Begriff Probleme. Wenn er dann noch hört, dass es sich um eine Trilogie des weiblichen Genies handelt, wird er Hannah Arendt, Melanie Klein und Colette zumindest als eine komische Trias empfinden. Der Besucher der Buchhandlung hat damit aber auch schon alle Vorurteile, die man gegen dieses Buch hegen kann, Revue passieren lassen und sollte es nun kaufen, sofern er sich irgend für das Schicksal der Psychoanalyse interessiert - und hier sind alle an Philosophie oder einfach am Leben des Geistes Interessierten mitgemeint.
Kristeva zielt auf eine öffentliche Aneignung der Psychoanalyse, fast kann man sagen: als moderner Glaubenslehre, oder besser: als des Anderen der Religionen. Die psychoanalytische Theorie bekommt etwas Fundamentales, d. h. nicht so sehr die Theorie als vielmehr die Erfahrung, die allgemein werden sollte. Ihr erstes Anliegen klingt so simpel und selbstverständlich, ist es jedoch nicht: dass nämlich Theorie aus der Erfahrung folgen müsse. Melanie Klein wird zum Idol gerade der englischen Empiriker, weil sie an diesem Vorrang der Erfahrung festhält.
Kristevas Darstellung der dramatis personae ist stets von Gerechtigkeit geprägt. Ob es sich um Kleins Verhältnis zu Freud handelt, in dem sie sehr präzise die jeweiligen Ambivalenzen und Gegensätze herausarbeitet, um die späteren Kontroversen in England zwischen Anna Freud und Melanie Klein, um das seltsame Charisma Lacans und seine Stellung in der Geschichte der Psychoanalyse - ihr Urteil ist abgewogen, ohne Polemik. Eigentlich die einzige Negativfigur ist Edmund Glover, der als Mentor der Tochter von Klein fungiert und diese gegen die Mutter aufhetzt, und da freut man sich offengestanden, dass Kristeva auch mal von ihrer Ausgewogenheit lassen ka