You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die 21 Aufsätze lesen sich flüssig und vielfach spannend. Der Vielseitigkeit des Autors entsprechend behandeln sie sehr verschiedenartige Themengruppen. Christian Müller, emeritierter Ordinarius für Psychiatrie in Lausanne, verkörpert die in der Nachfolge Eugen Bleulers in der Schweiz regelmäßige, heute seltener gewordene Verbindung von klinischer Psychiatrie und Psychoanalyse. Wichtig war für ihn aber auch zeitlebens der Einsatz für die menschenwürdige Behandlung und Unterbringung der großen Menge der Kranken, Sozialpsychiatrie also ohne jede dogmatische Bindung. Hierhin gehören Aufsätze wie »Geisteskranke in Frankreich vor Pinel« (1), »Zur Geschichte der Dezentralisation psychiatrischer Institutionen« (5), »Der Skandal der verspäteten Verlaufsforschung« (6). Letzteres betrifft vor allem das Dogma der Unheilbarkeit der »Dementia praecox« in der von Kraepelin ausgehenden Psychiatrie. Bleuler, der viel mehr Erfahrung hatte mit Verläufen von Geisteskrankheiten als deutsche Universitätspsychiater und folglich auch die günstigen Ausgänge kannte, für die der Begriff einer »Dementia« überhaupt nicht passte, schuf ja auch deswegen 1911 den neuen deskriptiven Begriff »Schizophrenie«, der nicht schon einen Hinweis auf vermeintliche Unheilbarkeit enthielt. Müller hebt diesen Aspekt der Bleuler'schen Schizophrenielehre etwas wenig hervor. Er erwähnt im Übrigen auch nicht, dass er selbst viel beigetragen hat zur Behebung des genannten Skandals durch die von ihm organisierten systematischen Verlaufsforschungen (»enquête de Lausanne«).
Müllers »Schweizerische Erinnerungen an die DDR-Psychiatrie« (19) beziehen sich auf eine Psychiatrie, in der einzelne fortschrittliche Elemente wie Gemeindenähe mit ideologisch bedingten Rückständigkeiten einhergingen, z. B. der Bindung an die Kraepelin'sche Psychiatrie und der Nicht-Beschäftigung mit individuellen Problemen der Patienten, so natürlich auch mit der Psychoanalyse, die neben der Einführung der Psychopharmaka das wesentliche Element de