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Am 4. Juni 1910 besuchte der junge russische Psychiater und Psychoanalyse-Anhänger
Nikolai Ossipow (1877-1934) Freud in Wien. Er hatte kurz vorher Kontakt mit Freud aufgenommen, sich mit zwei russischen Sonderdrucken bei ihm empfohlen und um einen Besuchstermin gebeten. Dieser Brief - wie auch eine Reihe anderer - ist nicht erhalten. Der vorliegende Briefwechsel setzt 1921 ein, nachdem Ossipow aus der Sowjetunion geflohen war und in Prag eine neue Heimat gefunden hatte; er hat seinen deutlichen Schwerpunkt in der Zeit bis 1923 und endet 1929. 38 Briefe sind in dem Band enthalten: 18 von Freud an Ossipow, 17 von Ossipow an Freud und 3 von Ossipow an andere Personen (Deuticke, Beate und Otto Rank).
Die Briefe Ossipows, die nach dessen handschriftlichen, manchmal fragmentarischen Entwürfen wiedergegeben werden, sind in der Regel sehr ausführlich. Sie drehen sich zumeist um sein berufliches Schicksal und seine Publikationsvorhaben, insbesondere das Buch über Tolstois Kindheitserinnerungen, das 1923 im psychoanalytischen Verlag erschien, und einen Aufsatz »Revolution und Traum«. Durchweg spürt man in diesen Stücken, auch wenn es um psychoanalytische Fragen und Organisatorisches geht, die persönliche, emotionale Betroffenheit des Schreibers. Freuds Briefe dagegen sind sehr viel kürzer und bis auf wenige Ausnahmen distanziert. Eine fachliche Diskussion findet so gut wie nicht statt. Freud beschränkt sich darauf, Ossipow gelegentlich zuzustimmen und den jüngeren Kollegen zum Weiterarbeiten zu ermuntern. Ab und an blitzt aber auch sein typischer Sarkasmus auf. In einem Brief vom 4. März 1923 geht er z. B. auf die scharfe Kritik ein, die Ossipow an einer Nummer der Internationalen Zeitschrift wegen eines im Korrespondenzblatt veröffentlichten Berichts der Kasaner Psychoanalytischen Vereinigung geübt hatte: »Gar nicht Recht kann ich Ihnen in der Kritik unserer Zeitschrift geben. Wir haben die Aufgabe, Sitzungsberichte zu veröffentlichen, kein Recht sie zu zensurieren, und sin