You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Auf knapp 600 Text-Seiten versammelt der Band Aufsätze aus dreißig Jahren zu unterschiedlichen Themen. 170 Seiten davon widmet Dahmer, von 1968 bis zu seinem erzwungenen Abgang 1991 leitender Redakteur der Psyche und Autor von einflussreichen Arbeiten zur Verbindung von marxistischer Gesellschaftskritik und Psychoanalyse, der Geschichte der Psychoanalyse. Er sieht sie als Niedergang: Die organisierte Freud-Schule habe für das Linsengericht der gesellschaftlichen Anerkennung und finanziellen Absicherung ihren kulturkritischen Gehalt verkauft.
Seine eigene Position beschreibt Dahmer mit dem Titel »Divergenzen«, der die Fähigkeit der Intellektuellen benennt, den herrschenden Common Sense in Frage zu stellen. Intellektuelle seien »wie Besiegte, die sich fügen, aber auf ihre Stunde warten […]. Sie müssen das, was ist, nicht heiligen, nur weil es einstweilen stärker ist als sie« (S. 9). Starke Worte, nicht nur in der impliziten Entwertung der Gegenseite, sondern auch in der ungebrochenen Selbststilisierung als einsamer Held, der sich seiner Wahrheit gewiss ist, auch wenn fast alle gegen ihn sind. Oder gilt gerade die Ablehnung der Mehrheit als Beweis für die Richtigkeit der eigenen Position? Jedenfalls findet sich in den Texten, die sich mit den Kritikern einer kulturkritischen Auffassung der Psychoanalyse scharf auseinandersetzen, nie auch nur ein Anflug von Selbstkritik.
Bei Dahmers eigenen Beiträgen zeigt sich ein frappanter Unterschied zwischen diesen Polemiken und anderen Texten, in denen er nicht gegen Feinde kämpft, sondern positiv Standpunkte und Personen vorstellt, zum Beispiel Wilhelm Reich (S. 254-266) und Siegfried Bernfeld (S. 218-238). Hier fügen sich sein enormes Wissen, eine historische Kontextualisierung sowie Einfühlung und Sympathie zu einem lebendigen, überzeugenden Bild. An Reich zeigt Dahmer auf, wie sich dessen Verzweiflung, die Erfahrung von Faschismus, Stalinismus und Exil, das Ausgestoßenwerden aus der kommunistischen wie der psychoanalytischen