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Marie-Louise von Motesiczky, eine Meisterschülerin Max Beckmanns, die jahrzehntelang mit Elias Canetti befreundet war, hat 1928 ein Porträt ihres damals 24-jährigen Bruders Karl gemalt. Das Bild zeigt ihn angestrengt in die Lektüre eines großformatigen Buches vertieft, auf dessen Rückseite man den Titel »Capital« liest (S. 81). Karl Motesiczky war ein Mann der sprunghaften Wendungen, jäher Ab- und Aufbrüche. Sein dauerhaftes Interesse galt der Musik, dem Sozialismus und der Psychoanalyse. Schon sein Vater, der 1909 früh verstorbene ungarisch-tschechische Graf Edmund von Motesiczky, war ein ausgezeichneter Cellist, der mit Brahms musizierte, und der Sohn, der 1919 seinen Adelstitel abgelegt hatte, wurde ebenfalls zu einem talentierten Cello-Spieler. Wie die Musik war ihm auch die Psychoanalyse in die Wiege gelegt. Seine Großmutter, Anna von Lieben, geborene von Todesco, gilt neben Bertha von Pappenheim (»Anna O.«) als die eigentliche »Erfinderin« der Psychoanalyse. Freud legte mit seiner genial begabten »Primadonna« und »Lehrmeisterin«, der »Cäcilie M.« der Studien über Hysterie, in den Jahren 1887-1893 den Weg von der Hypnose zur kathartischen Redekur und zur freien Assoziation zurück. Henriette von Motesiczky, Karls Mutter, hat in ihrem später verloren gegangenen Kindertagebuch den Eindruck festgehalten, den Freuds Besuche bei Anna von Lieben - in der Villa Todesco auf dem Landgut in der (17 km südwestlich von Wien gelegenen) Hinterbrühl - bei ihr hinterließen. Sie und die anderen Kinder der Familie hielten ihn für eine Art »Magier«.1 Freuds philosophische Lehrer Franz Brentano und Theodor Gomperz, dessen Frau ebenfalls bei Freud in Behandlung war, waren Großonkel Motesiczkys, und auch der psychoanalytische Theoretiker Heinz Hartmann war (durch seine Heirat mit Dora Karplus) entfernt mit ihm verwandt.
Motesiczky war ein Muster an Verschwiegenheit, und das nicht nur aus konspirativer Vorsicht. Aufsätze und Broschüren veröffentlichte er unter verschiedenen Pseudonymen