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Es ist erstaunlich, wie viele bisher unbekannte oder nur in Abschriften bekannte Briefe Freuds immer wieder im Antiquariatshandel oder bei Auktionen auftauchen. So wird jetzt im Internet das Original eines Freud-Briefs an Arthur Fischer-Colbrie vom 3. Januar 1921 angeboten (jnorman.com; 6500.- Dollar), der bisher nur in einer Abschrift bekannt war. Diese Abschrift wurde publiziert im Rahmen der Arbeit von Christine Walder: »Ich will nicht ewig im Käfig meines Ichs eingesperrt sein …«. Mutmaßungen zur Beziehung zwischen Sigmund Freud und seinem jugendlichen Patienten Arthur Fischer-Colbrie (1895-1968). Mit einem Anhang: Freuds Briefe an A. Fischer-Colbrie, hg. von Michael Schröter (Luzifer-Amor, 23, , H. 45: 105-137).
In der Internet-Beschreibung heißt es, der angebotene Brief sei an einen »unidentified correspondent (›Arthur‹)« gerichtet und trage das Datum vom 3. Januar 1929. Prüft man die Abbildung im Internet, so ist leicht zu erkennen, dass der Brief am 3. 1. 1921 geschrieben wurde, es sich also tatsächlich um den bisher nur in Abschrift bekannten Brief an Fischer-Colbrie handelt (Luzifer-Amor, 23, 2010, S. 132). Vor allem aber muss man feststellen, dass die veröffentlichte Abschrift unvollständig ist. Der Schlussabsatz fehlt, ohne dass eine Kennzeichnung darauf hinweist, und die Grußformel wird entstellt wiedergegeben. Statt der kahlen Unterschrift »Dein Freud« heißt es im Original (diplomatisch getreu):
»Empfiehl mich Deinem Papa u (unbekannter Weise) Deiner Braut u laß mich wieder einmal was Neues u Gutes wissen.
Herzlich Dein alter
Freud«
Das Beispiel zeigt, wie riskant es ist, Briefe nicht nach dem Original oder wenigstens nach genügend guten Kopien zu edieren. Gewiss, manchmal hat man keine andere Wahl, und dann sind Abschriften besser als nichts. Aber man muss sich bewusst bleiben: Abschriften sind keine verlässliche Quelle. Ihre Zuverlässigkeit ist nicht nur abhängig von der Schriftkenntnis, sondern auch von den Interessen und Intentione