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Im Chaos, das nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches in Wien herrschte, wurde vieles möglich, was zuvor kaum denkbar schien. Auch der 27-jährige Siegfried Bernfeld sah die Chance gekommen, viele der hoffnungsvoll diskutierten Konzepte aus der radikalen Wiener Jugendbewegung der Vorkriegszeit in die Tat umzusetzen. Der autoritäre Wertekanon von einst sollte gestürzt, die Pädagogik der Unterdrückung überwunden werden. Von Oktober 1919 bis April 1920 existierte unter Bernfelds Leitung das Kinderheim Baumgarten, in dem über 300 verwahrloste jüdische Kinder und Jugendliche mit unterschiedlich traumatischen Erfahrungen betreut wurden. Bereits im Juli 1920 schrieb er seine Erfahrungen mit dem Projekt nieder.
Diese Schrift ist nun Gegenstand einer Doktorarbeit geworden. Daniel Barth, Dozent an der Hochschule für Heilpädagogik Zürich, hat sie aus verschiedensten Blickwinkeln gelesen und dabei neue Sichtweisen eröffnet. Er interpretiert tiefenhermeneutisch, orientiert sich an der operativen Gruppentheorie, versucht Bernfelds Beobachtungen sprachanalytisch zu verstehen, folgt einem Modell des gesellschaftlichen und familialen Wandels genauso wie Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns und meint: »Der Gewinn an analytischer Schärfe bei der Rekonstruktion überwiegt m. E. den Verlust an historischer Genauigkeit« (S. 117) - was zu diskutieren wäre.
Barths Gedankengängen zu folgen, die neue Lesarten der Schrift anbieten, ist abwechslungsreich. Besonders spannend liest sich die Rekonstruktion des »realen Konzepts« des Baumgarten-Experiments und die Untersuchung der Frage: Wer waren die Baumgarten-Kinder? Durch das ganze Buch hin verfolgt man den Autor, wie er sich an Bernfeld abarbeitet und wie seine anfängliche Faszination durch dessen kritischanalytische Schärfe und utopischen Schwung allmählich Vorwürfen Platz macht: dass Bernfeld »verharmlost«, »zensuriert«, »geschickt retouchiert«, »verschweigt«, »ablenkt«, »suggeriert«, »sich in Ausflüchten windet« und »manipulativ v