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Dass er Leberkrebs hatte, wussten wir seit einigen Jahren. Er hatte kein Geheimnis daraus gemacht - und zugleich in kaum verminderter Produktivität weiter gearbeitet, so dass wir die Drohung, unter der sein Leben stand, immer wieder vergaßen. Aber der Prozess nahm seinen Lauf. Am 4. Januar 2012 starb Gerhard Fichtner nach mehrwöchigem Krankenhausaufenthalt in Tübingen.1
Von Beruf Professor für Geschichte der Medizin, war er in seinem Selbstverständnis vor allem ein homme de lettres, dessen Interessen und Wirkungskreis weit über sein Fachgebiet hinausgingen. In das Bändchen mit Stücken aus dem Briefwechsel zwischen der Schriftstellerin Ingela Lundgren und dem Ehepaar Max und Margot Fürst, das er 2002 mitherausgab, schrieb er mir die Widmung: »vielleicht noch eine Facette?« Aber so breit das Spektrum dieser Facetten war, das Arbeitsfeld, auf dem Fichtner am meisten geleistet und die größte Rolle gespielt hat, war die Psychoanalysegeschichte, speziell die Freud-Biografik. Er war unser unbestrittener Doyen; man merkte es, wenn sich das jährliche Symposion zur Geschichte der Psychoanalyse, das von 1996 bis 2009 in Tübingen stattfand, um ihn als Mittelpunkt scharte. Die Nachricht von seinem Tod löste bei vielen von uns ein Gefühl aus, als seien wir Psychoanalyse-Historiker nun verwaist. Über Jahrzehnte hieß es, wenn wir nach dem Fundort einer Quelle oder dem Vorkommen eines Begriffs suchten: »Da musst du Fichtner fragen.« Meistens wusste er Bescheid, aus dem Kopf oder mit Hilfe seines Computers, und er gab dieses Wissen mit einer Großzügigkeit weiter, die einen fast übersehen ließ, dass es in langer und unermüdlicher, hochdisziplinierter Arbeit erworben war. Die zahllosen Acknowledgments vom Typus: »Dieses Dokument wurde mir von GF überlassen«, »Nach einer Transkription von GF« oder »Mit Dank an GF«, sind ein Teil seines Lebenswerks.
Gerhard Fichtner wurde am 4. April 1932 in Pößneck (Thüringen) als Pfarrerssohn geboren. Er gehörte in seiner Gymnasialzeit dem Thomanerchor a