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Als ich Jean-Michel Quinodoz 2006 auf einer Meet-the-author-Veranstaltung in Athen traf, erläuterte er die Motive, die ihn bewogen hatten, Lire Freud zu schreiben: Er malte einen großen liegenden Baum auf ein Flipchart. Der Stamm, so erläuterte er, stelle Freuds Werk dar, die von ihm entwickelte Wissenschaft vom Unbewussten, die Psychoanalyse. Die kräftigen und kleineren Äste des Baumes entsprächen den jeweiligen Weiterentwicklungen. Wenn die Psychoanalyse den substanziellen Kontakt zu ihrem Stamm, ja ihren Wurzeln verliere, sei sie von der Gefahr der Zersplitterung bedroht, formulierte er eine Befürchtung, die viele von uns teilten. - Nun, fünf Jahre später, liegt die vorzüglich übersetzte deutsche Fassung des Buches vor.
Zum Auftakt sagt Quinodoz: »Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Freud zu lesen; jede hat ihre Vor- und Nachteile, doch sie ergänzen sich. Man kann für seine Freud-Lektüre einzelne Schwerpunkte setzen, indem man sozusagen ›ä la carte‹ einen Aufsatz oder ein Buch auswählt oder sich ein Thema und die dafür relevanten Werke herausgreift.« Er lässt anklingen, dass sich Freuds Schriften durchaus für eine »talmudische« Lektüre eignen - um dann jedoch für eine chronologische Lektüre der Hauptwerke einzutreten. Um es gleich vorneweg zu sagen: In meinen Augen ist es ihm gut gelungen, dem heute eher üblichen »ä la carte«-Lesen seine Alternative entgegenzustellen, indem er Freuds Werk sozusagen von A bis Z und ergänzend die Entwicklungen und Weiterentwicklungen der Hypothesen verständlich aufbereitet. Das Ergebnis liest sich erstaunlich leicht, oft spannend.
Zunächst erzählt der Autor, dass das Buch aus einer langjährigen Zusammenarbeit in Seminaren mit AusbildungskandidatInnen des Centre de psychanalyse Raymond de Saussure in Genf hervorgegangen ist. Die Seminarstruktur war jeweils verbindlich auf 3 Jahre angelegt und dementsprechend Freuds Werk in drei große Abschnitte aufgeteilt: I. Die Entdeckung der Psychoanalyse , II. Die Jahre der Reife ,