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Im Jahr 1950 fand ein für heutige Verhältnisse ungewöhnlicher Schlagabtausch unter Psychoanalytikern statt. Ungewöhnlich deshalb, weil er deutlich die persönliche Ebene berührte, dennoch in der Öffentlichkeit der Zeitschrift Psyche geführt wurde und 24 Kollegen mit einbezog. Alexander Mitscherlich hatte ein Referat des Schweizer Psychoanalytikers und Daseinsanalytikers Medard Boss auf einer Psychiater-Tagung in Badenweiler im Juni 1950 scharf kritisiert und seine Kritik in der Psyche veröffentlicht. Boss verteidigte sich am selben Ort, woraufhin Mitscherlich beschloss, eine Reihe von Kollegen um Stellungnahmen zu bitten, die dann ebenfalls in der Psyche abgedruckt wurden. Im Hintergrund wechselten die Akteure natürlich Briefe, von denen einige in den hier anzuzeigenden Band, der die Kontroverse nochmals dokumentiert, aufgenommen wurden. Der Vorgang ist auch deshalb ungewöhnlich, weil der Vortrag von Boss keinem der 24 Autoren, die sich dazu äußerten, vorlag. Es gab schlicht kein Exemplar mehr, nachdem das einzige vorhandene von dem Kollegen, der es als Erster erfragt hatte, nicht zurückgeschickt worden war. Alle anderen orientierten sich an Mitscherlichs kritischem Bericht und der Erwiderung von Boss. Wir heutigen Leser sind leider in keiner besseren Lage, da der Originaltext auch im vorliegenden Band fehlt.
Worum aber ging es eigentlich? Das ist nicht leicht zu beantworten und hängt von der Perspektive ab. Formal ging es um den Fall eines psychoanalytischen Patienten, der auch nach 50 Stunden analytischer Arbeit darauf bestand, sich den Penis und die Hoden amputieren und künstliche Labien formen zu lassen. Daneben aber war und blieb er Familienvater. Sein Analytiker Boss befand, es handle sich um eine »naturhaftkonstitutionell fixierte Perversion«, der mit Psychotherapie nicht beizukommen sei und die einer körperlichen Operation bedürfe, um suizidale Folgen abzuwenden. Die Tatsache, dass Boss seine Entscheidung daseinsanalytisch begründete, brachte ihm viel Kritik e