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Freuds Gradiva-Studie gilt als Prototyp psychoanalytischer Literaturinterpretation und als Paradebeispiel angewandter Psychoanalyse. In einem Nachtrag hatte Freud 1912 geschrieben: Seit der Niederschrift der Studie suche die psychoanalytische Forschung in den Schöpfungen der Dichter »nicht mehr bloß Bestätigungen ihrer Funde am unpoetischen, neurotischen Menschen«, sondern verlange auch »zu wissen, aus welchem Material an Eindrücken und Erinnerungen der Dichter das Werk gestaltet hat und auf welchen Wegen, durch welche Prozesse dies Material in die Dichtung übergeführt wurde« (S. 125). Damit war die Grundfrage nach dem Verhältnis zwischen der Biographie des Schriftstellers und seinem Werk gestellt, mit der die psychoanalytisch orientierte Literaturwissenschaft bis heute zu tun hat (vgl. die Einleitung von Bernd Urban 1907a, S. 7-44).
Aus der Jung-Korrespondenz war bekannt, dass Freud seine Studie dem Dichter zugesandt hatte und dass sich daraus ein kleiner Briefwechsel entwickelt hatte. Die drei Briefe Jensens waren 1929 in der Psychoanalytischen Bewegung (Bd. 1, S. 207-211) veröffentlicht worden; diejenigen Freuds galten als verschollen, ihr Inhalt war nur aus Freuds Berichten an Jung (Freud u. Jung , S. 57 f.) und aus Jensens Antworten zu erschließen. Jung hatte anhand zweier anderer Novellen des Dichters konstatiert: »Das Problem ist die Geschwisterliebe« (Freuds Gradiva-Studie, S. 106), und die Frage aufgeworfen, ob Jensen eine Schwester gehabt habe. Freud antwortete nach Lektüre der Novellen: »Sie haben gewiß recht. Ob es sich real um eine frühverstorbene Schwester handelt oder ob Jensen nie eine Schwester gehabt und eine Gespielin zur immer ersehnten Schwester erhöht hat, möchte ich noch nicht sicher entscheiden. Das beste wäre, ihn zu fragen, aber seine letzten Bescheide waren so stumpf, daß ich mich nicht entschließen kann.« Und Freud knüpft eine Spekulation an, die er selbst als kühn bezeichnet: »Die kleine Schwester war von jeher krank und hat mit Spitz