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Es gibt Autoren, die durch ein einziges Buch berühmt werden, und das erst Jahrzehnte nach der Erstpublikation. Ein solches Schicksal ist Alice von Platen-Hallermund (der späteren Alice Ricciardi) mit ihrem Werk Die Tötung Geisteskranker in Deutschland aus dem Jahr 1948 widerfahren. Als Mitarbeiterin von Alexander Mitscherlich bei den Nürnberger Ärzteprozessen hatte sie aus eigener Initiative ein damals stark tabuisiertes Thema aufgegriffen und auf eine heute noch lesenwerte und begrifflich klare Weise abgehandelt. Die späte Wiederentdeckung und Übersetzung ihres Buchs in mehrere Sprachen ist eine besondere Geschichte; sie wird u. a. in dem hier zu besprechenden Band erzählt, in dem der Publizist Reinhold Schlüter die Lebensgeschichte der Autorin vorlegt. Es ist eine Biographie »neben der Spur«, die nahezu ein Jahrhundert, von 1910 bis 2008, umfasst. Schlüter hat sie auf Anregung der Familie, mit vollem Zugang zum Familienarchiv und zu den privaten Tagebüchern verfasst, schöpft also aus dem Vollen.
Das Leben und Wirken dieser ungewöhnlichen Frau von aristokratischer Herkunft mit einer Schulzeit in Salem ist von seiner privaten und beruflichen Seite her fast spektakulär mit den Wechselfällen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert verknüpft. Nach dem Medizinstudium landet sie 1935 ausgerechnet an der Anstalt für Epileptische in Potsdam unter dem Euthanasiearzt Hans Heinze. Eine intensive Zeit unter deutschen Wissenschaftlern in Florenz endet mit der Geburt eines unehelichen Sohnes 1941, den sie allein durchbringen muss. Ihre Landarzttätigkeit im oberösterreichischen Pettenbach bringt sie in das geographische Dreieck der dortigen KZs und Euthanasieanstalten Mauthausen, Schloss Hartheim und Ebenhausen, von wo sie nach Kriegsende an die Heidelberger Universität zu Viktor v. Weizsäcker wechselt. Die Zugehörigkeit zu Mitscherlichs Kommission bei den Ärzteprozessen stellt einen Wendepunkt ihres Lebens dar, der in der Publikation des oben angesprochenen Buchs mündet und s