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Freud war Abraham noch nicht begegnet, als ihm dessen Chef Jung eine ziemlich giftige Charakterschilderung des Kollegen sandte. Sie habe, antwortete Freud, »so den Stempel des Zutreffenden, daß ich sie ohne weitere Prüfung annehmen möchte«. Er brachte sie mit einem Faust-Zitat auf den Punkt: »Ein wenig ›trockener Schleichen‹, sagen Sie« (S. 13). Trotz Anna Freuds Protest beließ der Herausgeber des Freud/Jung-Briefwechsels, William McGuire, die Stelle im gedruckten Text (S. 186 f.). Dieses Bild sei, so Karin Zienert-Eilts in ihrem hier anzuzeigenden Buch, in der jüngeren Literatur bisweilen einfach »als zutreffende Kennzeichnung Abrahams übernommen« worden (S. 12), was zur »Weiterführung des eindimensionalen und idealisierten Bildes Freuds und Jungs [!]« geführt (S. 13) und »unter der Hand den Geist der feindseligen Abwertung Abrahams« tradiert habe (S. 287). Der »trockene Schleicher« zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch (ich habe 26 direkte Zitate gezählt), immer im Bemühen, sich davon abzusetzen und Abrahams Persönlichkeit ausgewogener zu erfassen.
Das Buch ist keine eigentliche »Biografie«, wie der Untertitel suggeriert. Zutreffender wäre eine Formulierung gewesen wie »Abraham im Lichte seiner Beziehungen und Konflikte mit Freud und anderen Analytikern«, denn der Fokus der Abhandlung liegt erklärtermaßen »auf der Beziehung zwischen Karl Abraham und Sigmund Freud« (S. 11). Dazu kommt eine recht ausführliche Untersuchung von Abrahams Konflikten, vor allem mit C. G. Jung, Hans Liebermann, Max Eitingon und Otto Rank, sowie seiner Freundschaften, vor allem mit Ernest Jones und Wilhelm Fließ.
Diese Beschränkung ist auch der Quellenlage geschuldet. Einerseits habe sich Abraham »in ungewöhnlichem Ausmaß durch Reserviertheit, vor allem hinsichtlich persönlicher Mitteilungen, ausgezeichnet«, andererseits sind in seinem Nachlass nur wenige Schriftstücke erhalten; möglicherweise wurden sie nach dem Tod seiner Tochter Hilda vernichtet (S. 10 f., 36). So muss vieles vor