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Wer sich für die Geschichte der Psychoanalyse im Nationalsozialismus interessiert, will auch wissen, wie die Situation der - mit der deutschen eng verflochtenen - österreichischen Analyse von »Anschluss« bis Kriegsende verlief. Dazu liegt jetzt erstmals eine ausführliche Bestandsaufnahme vor. Getragen von der Wiener Psychoanalytischen Akademie hatte sich 2007 eine - Psychoanalyse
und Geschichtswissenschaft vereinende - Arbeitsgruppe dieses Themas angenommen. Herausgekommen ist ein Mosaik von Zeitdokumenten und inhaltlich aneinander anknüpfenden, jeweils aber auch für sich nachvollziehbaren Beiträgen von sieben Autorinnen und Autoren mit teils kontroversen Sichtweisen. Letzteres tut der Lektüre meines Erachtens gut, da es mich zwingt, zu überprüfen, welche Sicht ich teilen kann.
Zunächst fasst Herausgeber und Arbeitsgruppenleiter Mitchell Ash in einer Einleitung den Forschungsstand zusammen. Einer seiner Kernsätze ist, dass es sich »angesichts […] der Befunde der neueren Forschung als unhaltbar [erweist], ›die‹ Psychoanalyse als per se emanzipatorisch begreifen zu wollen«. Der naheliegenden Frage, was emanzipatorische Psychoanalyse ausmacht, geht er jedoch nicht nach. Das dürfte damit zu tun haben, dass Ash unter »der« Psychoanalyse offenbar »psychoanalytische Ausbildung und Therapie« versteht - und der für emanzipatorische Effekte prädestinierten psychoanalytischen Gesellschaftskritik wohl eher ablehnend gegenübersteht (S. 24 f., insbesondere Anm. 78).
Im ersten Forschungsbeitrag des Bandes beschreibt Christiane Rothländer auf mehr als 100 Seiten und mit einer Fülle von Detailfunden »Die Liquidation der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung« und den »Raub des Vermögens der Familie Freud«. Rothländer weist nach, dass über das Schicksal der WPV und ihres Besitzes letztlich höhere NS-Funktionäre aus Reichsärzteführung und Sicherheitsdienst entschieden, wobei die WPV vor allem Spielball konkurrierender Machtinteressen war. Ihre akribischen Recherchen vermehren auch das