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»Weil wir machtlos sind gegen das Vergehen der Zeit, weil sie an uns vorüberrollt wie eine Masse, die zu ungeheuer ist als dass unsere Hände sie halten, so zerlegen und teilen wir sie und pressen sie in kleinliche Namen und Zahlen: Tag, Monat und Jahr. Wir wollen uns Ruhe und Dauer vortäuschen und klammern uns krampfhaft an abgerissene Fetzen Unendlichkeit. / Aber wie von einem rollenden Rade, in dessen Speichen wir greifen, werden wir ohnmächtig mitgerissen und geschleift von dem unaufhaltsamen Ablauf der Zeit, dessen Sinn wir nicht fassen« (S. 200).
Dieser Text aus dem Jahre 1920 beschreibt wortmächtig die Ohnmacht des Menschen. Setzt man ihn in Beziehung zur Psychoanalyse, erweist er sich als regelrecht anti-psychoanalytisch, zieht er doch vieles in Zweifel, was die Psychoanalyse anstrebt - die Erfassung des Sinnes der Phänomene, die Zergliederung des Bedrohlichen in bedeutungsvolle Teile, die Ermächtigung des Menschen. Und doch stammt dieser kurze Text von Anna Freud, der jüngsten und begabtesten Tochter Sigmund Freuds.
Der von der Grazer Germanistin und Psychotherapeutin Brigitte Spreitzer herausgegebene Band mit Gedichten, Prosa und Übersetzungen Anna Freuds ist für das psychoanalytische Publikum in Deutschland womöglich eine Überraschung: bekannt gewesen sind einige dieser Texte bisher lediglich aus Elisabeth Young-Bruehls Anna-Freud-Biografie (, dt. 1995). Der vorliegende Band enthält sowohl die frühen, elegisch getönten Gedichte Anna Freuds (bis ca. 1924/25) als auch ihre spätere heitere Gelegenheitslyrik zu Familienanlässen, z. B. ihre Hundegedichte. Prosaskizzen, Fragmente des geplanten Romans »Heinrich Mühsam« und Übersetzungen englischer Dichter (Byron, Kipling und Herbert Jones) gehören ebenfalls zum breitgefächerten, wenn auch nicht besonders umfangreichen Korpus ihrer dichterischen Produktion. Der Großteil der Texte befindet sich in der Library of Congress (Washington), die meisten Hundegedichte hingegen werden im Freud-Museum in London aufhewahrt. Meh