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Mit der im Untertitel dieses Buchs angesprochenen »Urgeschichte« sind nicht biografische oder rezeptionsgeschichtliche Momente der beiden Pioniere Sigmund Freud und Theodor W. Adorno gemeint; Gegenstand des Bandes ist vielmehr die Aktualität und Konfliktualität ihres Erbes, also der Psychoanalyse und der Kritischen Theorie der Gesellschaft.
Die Herausgeber sehen dieses Erbe aus gesellschaftlichen und akademischen Debatten verschwinden. Die Geistes- und Kulturwissenschaften seien durch »die neuen naturwissenschaftlichen Leitdisziplinen« - darunter auch die Neuro-wissenschaften - herausgefordert. Was wird aus ihnen ohne ein Verständnis der Sprachwirkungen als zweiter Natur, ohne einen Erfahrungsbegriff, der Subjektivität und Intersubjektivität einbezieht, und ohne die von der Psychoanalyse als talking cure eröffneten Erkenntnismöglichkeiten? Gefahr drohe durch ein mythisches, ideologisches, phantasmatisches Vokabular, das als schlichte Abbildung von Naturtatsachen vorgebracht und nicht kritisch befragt werden kann.
Nur wenige der neun Texte dieses Bandes gehen historische Untersuchungswege, doch erbringen sie Fragestellungen, die auch die Psychoanalyse-Geschichtsschreibung interessieren. Die Herausgeber beabsichtigen eine »neue Lektüre« von Psychoanalyse und Kritischer Theorie, um beiden angesichts heutiger Fragen und Problemstellungen bislang nicht zugängliche Aspekte abzugewinnen. Dabei wird manche Positionszuschreibung allerdings von einer hohen Warte aus vorgenommen, und es bleibt dann unklar, auf welcher konkreten Lektüre die beanspruchte Relektüre Freuds und Adornos fußt.
Ein zentraler Berührungspunkt der beiden Denker und Praktiker ist der Begriff der »Lebensnot«, »Ananke«. Nicht allein das Ungenügen der Umwelt, nicht allein elterliche Versagungen und Zudringlichkeiten bringen das Kind in Not, sondern auch die somatopsychischen Triebe, denen es nicht gewachsen ist und die es nicht zu befriedigen weiß. Seine Traumatisierungen ergeben sich aus beiderlei Quellen.