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Im Herbst 2014 trat nach mehrjähriger Vorbereitung das Projekt einer digitalen Gesamtausgabe aller Schriften Freuds (inklusive der Briefe), die den Kriterien einer historisch-kritischen Edition gerecht werden soll, erstmals an die Öffentlichkeit.1 Auf der Webseite freud-edition.net findet man Angaben zur Anlage des Unternehmens, das getragen wird von der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und der Wiener Psychoanalytischen Akademie unter Federführung von Christine Diercks. Es handelt sich (zunächst) um eine Internet-Publikation im open access. Alle Texte sollen im Faksimile der Handschrift, soweit eine solche erhalten ist, und in einer diplomatisch getreuen Transkription dargeboten werden; außerdem sämtliche von Freud autorisierte Druckfassungen im Scan der Originalausgaben. Auf Sacherläuterungen wird vorerst verzichtet; sie werden später, wenn das Projekt einmal über genug Mittel verfügt, in Angriff genommen. Generell ist vorgesehen, Schritt um Schritt einzelne Arbeitsergebnisse vorzulegen, so dass das Unternehmen auch dann Früchte bringt, wenn das ehrgeizige Endziel außer Reichweite bleiben sollte.
Im Kontext der bereits vorhandenen Freud-Editionen erscheint derjenige Teil des Wiener Projekts, der sich den Briefen widmet, als der interessanteste. Hier ist grundsätzlich noch am ehesten mit größeren Neu-Entdeckungen zu rechnen. Und unter den bisher unbekannten Korrespondenzen Freuds ist die mit dem New Yorker Nervenarzt Abram Arden Brill gewiss eine der umfangreichsten und ergiebigsten. Es ist deshalb sehr angemessen, dass die Wiener Edition als eine Art Pilot-Projekt die Briefe an Brill präsentiert.
Zunächst zum Inhalt: Die insgesamt 116 Mitteilungen Freuds an Brill fallen in die Zeit von bis . Sie sind sehr ungleich verteilt: Knapp die Hälfte (56 Stücke) stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Ab September gibt es nochmal eine relativ dichte Brieffolge bis Anfang 1921, danach tröpfeln die Mitteilungen mit langen Pausen dahin, bis sie im Sommer wieder