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Wer die hohe Kunst der psychoanalytischen Theoriegeschichtsschreibung erlernen möchte, dem ist mit dieser Aufsatzsammlung von Ulrike May ein unverzichtbares Vorbild an die Hand gegeben. Es wurde höchste Zeit, dass eine Auswahl ihrer in verschiedenen Zeitschriften, vor allem der Psyche und LUZIFER-AMOR, veröffentlichten Texte in einem Buch zusammengefasst wurden. Ulrike May ist eine der profiliertesten Psychoanalysehistorikerinnen, auch auf internationalem Parkett. Ihr Arbeitsschwerpunkt lag zunächst auf Freuds früher klinischer Theorie, die das Thema ihrer Dissertationsveröffentlichung wurde. Neben Arbeiten zu Edith Jacobson , Isidor Sadger (enthalten im besprochenen Band), Ferenczi und Mahler und der eingehenden Auswertung von Freuds Patientenkalendern (ebenfalls im besprochenen Band) dreht sich ihre Arbeit seit vielen Jahren um die Unterschiede zwischen den Theorien von Freud und Karl Abraham.
May geht in intensiver Detailarbeit, mit großer Sachkenntnis und von verschiedenen Seiten her in mehreren Texten den differenten Auffassungen von Freud und Abraham nach, die ihrer Erfahrung nach - und hier geht sie über eine reine Geschichtsschreibung hinaus - zu einer verzerrten Sicht auf Freuds Theorien geführt haben. An dieser Stelle wird eines der Anliegen von Mays Arbeit deutlich: Sie will jenseits von Meinungen und Idealisierungen nachweisen, dass wir »Freud heute mit Abrahams Augen lesen, ohne dass es uns bewusst wäre«, und dass das zu einer Strenge und einem Moralisieren in der psychoanalytischen Praxis geführt hat, die ursprünglich darin nicht enthalten sind. Während sie dies Stück für Stück, nach und nach - in ihrer Einleitung fragt sie sich selbst angesichts ihres Mammutprojekts: »How to eat an elephant?« und antwortet: »Bit by bit!« - aufzeigt, führt