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1945 gab es nur wenige Personen in Deutschland, die eine vor 1933 in der psychoanalytischen Ausbildung erworbene und nachfolgend in der Praxis gefestigte psychoanalytische Identität hatten bewahren können. In den Hauptzufluchtsländern der jüdischen Emigranten, Großbritannien und den USA, hatten die von Freud begründete Theorie und Praxis in der Zwischenzeit eine fruchtbare Weiterentwicklung erfahren. Deshalb nimmt es nicht wunder, dass der wissbegierige Nachwuchs sich aufmachte, vor Ort davon zu lernen. Es setzte Ende der 1940er und in den 1950er Jahren eine regelrechte Reisewelle von Psychotherapeuten aus Westdeutschland in die USA ein, ob für Rundreisen oder längere Ausbildungsaufenthalte. Zu ihnen gehörten (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) Günter Ammon, Werner F. Becker, Johannes Cremerius, Alexander Mitscherlich, Lutz Rosenkötter, Felix Schottlaender, Walter F. Seemann, Helmut Thomä und Wolfgang Zander. Welche Impulse sie dort für ihre spätere Tätigkeit in der BRD bekommen haben, ist im Wesentlichen das Titelthema dieses Heftes und wird an mehreren Beispielen untersucht.
Susanne Kitlitschko stellt anhand eines kleinen Briefwechsels zwischen Seemann und seinem Chef Mitscherlich dar, wie riesengroß die Unterschiede im Ausbildungsniveau zwischen Chicago und Heidelberg waren und wie Mitscherlich für seine psychosomatische Mission nach aktueller amerikanischer Literatur lechzte, die Seemann beschaffen musste, der sich seinerseits im Mekka der entsprechenden Forschung fühlte. Als Mitscherlich selbst 1951 eine dreimonatige Studienreise in die USA unternahm, gerierte er sich als kritischer Europäer, der mit den Besonderheiten der amerikanischen Kultur seine liebe Mühe hatte, wie aus seinem umfangreichen Reisetagebuch zu entnehmen ist, das Martin Klüners ausgewertet hat. Klüners sieht, wie sich bei Mitscherlich die aus den 1930er Jahren stammenden amerikafeindlichen Tendenzen ablösen und einer moderateren Einstellung weichen, sodass sich an seinem Beispiel die Westernis