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Die Möglichkeit, uns gegenseitig Lebensgeschichten zu erzählen, ist eigentlich eine Unmöglichkeit. Freud wusste das und verwahrte sich gegen alle Angebote potenzieller Biografen. Dessen ungeachtet lenkt seine Psychoanalyse den Blick fortwährend auf die individuelle Vergangenheit. Der Münsteraner Wissenschaftshistoriker Norbert Rath untersucht daher die erkenntnistheoretischen Besonderheiten des biografischen Verstehens bei Freud. Der Band wird von einem Essay von Julia Quante über Freud-Cartoons und ihre parodistische Sicht auf das psychoanalytische Verstehen ergänzt.
Der Freitod von Nathan Weiss im Jahr 1882, einem befreundeten Kollegen Freuds, gab dem jungen Mediziner Rätsel auf und wurde für ihn zum Präzedenzfall eines in die Persönlichkeit vordringenden Verstehens. Darin erkennt Rath nicht nur die erste Fallgeschichte einer Psychoanalyse avant la lettre, sondern auch die ersten Bemühungen des Naturwissenschaftlers Freud, das biografische Verstehen zu verwissenschaftlichen. Kennzeichen dieses Versuchs ist hier bereits die Bereitschaft zur Übertragung, zur Identifikation mit dem Untersuchungsgegenstand, sowie der Rückgriff auf literarische Mittel der Darstellung jene Novellenartigkeit, die Freud selbst 1895 konstatieren wird. Auch für den frühen Freud war biografische Wahrheit nur ein Näherungswert, sofern sich die Erinnerung an die eigene Kindheit nicht haben lässt - wie auch sein Essay »Über Deckerinnerungen« nahelegt. Im Briefwechsel mit Wilhelm Fließ stellt sich das Gedächtnis für Freud als ein Modell der Aufeinanderschichtungen von Zeichen und deren Umschriften, Umordnungen und Niederschriften dar. Dieser »Palimpsest-Charakter« (Rath) des autobiografischen Gedächtnisses erscheine als dynamischer Prozess und Resultat zugleich. Vielleicht hätte der Autor der spezifischen Metaphorik von Freuds Gedächtnistheorie weitere Aufmerksamkeit schenken können. Nicht zuletzt griff Freud noch 1925 in »Notiz über den ›Wunderblock‹« auf das Bild des Aufschreibesystems zurück,