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»Wer wird mich vergessen haben?« fragte die Berliner Psychoanalytikerin Edith Jacobssohn (so ihr Name bis zu ihrer Flucht in die USA) in ihren Gefängnisnotizen am 9. September 1935, zwei Wochen nach ihrer Festnahme durch die Gestapo und Inhaftierung im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit, wo ihr am 5. Dezember 1935 die Anklage wegen Hochverrat eröffnet wird. Ihr wird vorgeworfen, die Widerstandsgruppe Neu Beginnen, einen eher elitären Geheimbund leninistischer Prägung, unterstützt und zwei ihrer Mitglieder als Patientinnen behandelt zu haben. Mit der Verhaftung der Ärztin, Psychoanalytikerin, Sozialistin und Jüdin, die dem Unterrichtsausschuss des Berliner Psychoanalytischen Instituts angehörte, war der Gestapo ein Schlag gelungen, der nicht nur Neu Beginnen erheblich traf, sondern auch die nationale und internationale Psychoanalyse. Während die meisten jüdischen Psychoanalytiker nach Hitlers Machtergreifung fluchtartig Deutschland verließen, führte Jacobssohn ab Herbst 1933 quasi ein Doppelleben, indem sie einerseits als Lehranalytikerin und Dozentin die erheblichen Lücken in der Institutsausbildung zu überbrücken half, andererseits wie ein trojanisches Pferd als Kooptierte die Vorstandsarbeit von F. Boehm und C. Müller-Braunschweig, den arischen Institutsvorsitzenden, kontrollierte und Interna an die exilierten Mitglieder der Gruppe marxistischer Analytiker weitergab.
Jacobsons Reaktion auf die Hafterlebnisse und ihre Bewältigungsversuche wurden in dem Sammelband von May und Mühlleitner (2005) bereits ausführlich, mit vielen unveröffentlichen Dokumenten dargestellt. Mit dieser Arbeit wurde Jacobson als eine der bedeutendsten Psychoanalytikerinnen der zweiten Generation und verfolgte Widerstandsaktivistin nach jahrzehntelangem Vergessen und Verschweigen einer größeren Fachöffentlichkeit bekannt.
Der nun vorliegende Band, ediert von der Sozialwissenschaftlerin und Autorin Judith Kessler und dem Psychohistoriker Roland Kaufhold, macht erstmals Jacobssohns Haftnotizen