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»Braucht die Welt eine neue Freud-Biografie?«, fragte sich der Psychoanalytiker und Philosoph Joel Whitebook neulich (Whitebook 2017, S. 1). Als er nach der erneuten Lektüre von Freuds Werken die Abwesenheit der Mutter in dessen Universum entdeckte, bejahte er diese Frage und schrieb sein Buch Freud. An Intellectual Biography, in dem er sein Material um das Mutterproblem organisierte. Peter-André Alts Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne aus dem Jahre 2016 offenbart hingegen kein so eindeutiges Muster und gibt zunächst keine so eindeutige Antwort auf die anfangs gestellte Frage. Das Leitmotiv, das Alts 1000 Seiten starke Freud-Biografie zusammenhält, enthüllt sich dem Leser nicht so schnell.
Dem Untertitel nach soll Freud als »Arzt der Moderne« dargestellt werden. Alt gelingt es tatsächlich, Sigmund Freud in der Zeit um 1900 gut anzusiedeln. Hier sind vor allem die zahlreichen Parallelen zu Künstlern und Kunstwerken dieser Epoche interessant. Auf diesem Feld zeigt sich Alts germanistische Kompetenz von ihrer besten Seite. Deutlich wird, dass die Psychoanalyse nicht nur dem genialen Kopf ihres Schöpfers, sondern auch dem Nährboden der Moderne entsprossen ist. Dass diese Erkenntnis allerdings nicht neu ist, wie auch nicht neu ist, dass die Psychoanalyse ein aus der Moderne nicht mehr wegzudenkendes Phänomen ist, ist bekannt (vgl. Kandel 2012, S. 47: »a monumental contribution to modern thought«). Schwieriger wird es, Freud als »Arzt der Moderne« (meine Hervorhebung) zu zeichnen. Zum einen zeigt hier Alt Freuds ursprüngliche Unsicherheit als Kliniker und zum anderen, dass er auch innerhalb der Psychoanalyse die therapeutische Seite mit zunehmender Skepsis betrachtete. Alt schafft es nicht, einen stringenten Zusammenhang zwischen der »Epoche der Nervenzerrüttung« (S. 405) und Freuds therapeutischer Kompetenz aufzubauen. Vielmehr deutet er schon früh an, dass Freud seine therapeutischen Vollmachten zunehmend in Richtung Aufbau einer Universallehre vom Menschen überschritt: