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Wilhelm Fließ gehört zu den schillerndsten Figuren in der Geschichtsschreibung der Psychoanalyse. Noch immer gibt sein Einfluss auf Freud der Forschung Rätsel auf. Lange Zeit herrschte im Kreis der Interpreten ein gewisses Unverständnis, ja, eine Ratlosigkeit vor, wenn es darum ging, Freuds Emphase zu verstehen, mit der er den Freund umwarb. Einige, ich erinnere an Ernest Jones, sahen darin einen peinlichen Missgriff: Wie konnte der Schöpfer der Psychoanalyse einen Mann verehren und mit Lob überschütten, der ihm intellektuell nicht gewachsen war?
Zum springenden Punkt vieler Erklärungen wurde Freuds Isolation: In der Phase, als Freud sich zum Psychoanalytiker machte, hatte er kein »Publikum«, kein Gegenüber - dieser Mangel hätte ihn dazu geführt, sich einen Gesprächspartner zu imaginieren, einen großen »Anderen«, auf den er seine Wünsche nach intellektuellem Austausch und intimer Freundschaft projizieren konnte. Mit Fließ als realer Person hätte das alles nichts oder wenig zu tun gehabt.
In der Tat fällt auf, dass die schwärmerische Zuneigung dem Freund gilt, während die Wertschätzung des Wissenschaftlers doch etwas verhaltener ausfällt. Die Theorien, die Fließ um 1900 lancierte, gingen bekanntlich aufs Ganze und implizierten einen umfassenden Erklärungs- und Erlösungsanspruch. Freud bewunderte die Radikalität, konnte und wollte aber da nicht mitgehen, gleichwohl zweifelte er nicht daran, dass der Freund ein tiefes Wissen von den Dingen hatte, die ihm selbst am Herzen lagen. Wie groß das Wissen von Fließ wirklich war, ist schwer zu sagen, nicht zuletzt deshalb, weil wir nur die Briefe Freuds kennen.
Stefan Goldmann hat sich diesem Problem gestellt, er will Fließ aus dem übermächtigen Schatten Freuds herausholen und zeigen, dass er eine eigenständige Persönlichkeit war, ein Arzt und Therapeut von hoher Qualität, ein Forscher, der sich mit den medizinischen Fragen der Zeit beschäftigte, ein Mann, der im gesellschaftlichen Leben Berlins eine Rolle spielte, der in bekannte