You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Der Begriff »Tiefenpsychologie« war eine schulenübergreifende Bezeichnung im Sinne der Psychotherapeutenbewegung der 1920er Jahre. Nach 1933 kann man beobachten, wie er gezielt eingesetzt wurde, um den Begriff »Psychoanalyse« mit seinem impliziten Bezug auf das »typisch jüdische Produkt« der Lehre Freuds zu verdrängen (vgl. Schröter i. V.). Er blieb in Deutschland auch nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst vorherrschend. Erst um 1960 verschoben sich die sozialen und damit die semantischen Machtverhältnisse. »Psychoanalyse«, als sprachlicher Repräsentant einer betont freudianischen und zugleich internationalen Orientierung, gewann gegenüber der engeren deutschen Tradition der »Tiefenpsychologie« an Prestige. Die Folge war, dass der erstere Ausdruck de facto seinen Zuschnitt auf die eigentliche Freud-Schule wieder einbüßte, der sich auch vor 1933 nie wirklich hatte durchsetzen lassen. Wegen dieser symptomatischen Geschichte lohnt es sich, einen Blick auf die Anfänge des Begriffs »Tiefenpsychologie« zu werfen (vgl. Schröter 2012a, S. 35 f. mit Anm. 50).
Bei Ellenberger liest man (1973, S. 675, Anm. 308): »Die Prägung des Ausdrucks ›Tiefenpsychologie‹ wird gewöhnlich Eugen Bleuler zugeschrieben.« Diese Aussage klingt so, als sei die »Zuschreibung« ungesichert. Aber Bleuler selbst, Professor für Psychiatrie in Zürich, hat für sich in Anspruch genommen, er habe »den Ausdruck ›Tiefenpsychologie‹ zuerst gebraucht« (1914, S. 39). Aus dieser Aussage wurde geschlossen, dass der Begriff in der zitierten Arbeit zum ersten Mal auftauche (Freud 1915e, S. 132, Anm. 2). Das ist unrichtig. C. G. Jung bestätigte schon 1912, dass Bleuler der Urheber der Wortprägung sei, und nannte als Ort des ersten Vorkommens dessen Schrift »Die Psychanalyse Freuds« von 1910.
Wie Jung erläutert, sollte der Name dartun, »daß die Freudsche Psychologie sich mit den Tiefen oder Hintergründen der Seele, die man auch als das Unbewußte bezeichnet, beschäftigt« (1912, § 410 mit Anm.). Freud hat den Terminus dann