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Man soll als Rezensent ein Buch nicht dafür kritisieren, dass es ein anderes Buch ist, als man sich gewünscht hätte. Aber manchmal fällt das schwer. Harald Schultz-Hencke hat die Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so stark beeinflusst wie nur wenige andere. Die vom freudianischen Mainstream abweichende
Neo-Analyse, die er ab 1928 entwickelte, fand nach 1933 zunehmenden Anklang. Weil sich die DPG nicht von ihm trennen wollte, wurde ihr 1949 die Aufnahme in die IPV verwehrt; eine Minderheit der Mitglieder gründete daraufhin die DPV. Dann aber wurde Schultz-Hencke durch die Wiederanbindung der deutschen Psychoanalyse an die IPV-Tradition in den Hintergrund gedrängt und, weil er seinen Erfolg wesentlich den Bedingungen des Nazi-Regimes verdankte, politisch-moralisch diskreditiert, womit ihm Unrecht geschah.
Aus alledem folgt, dass kaum ein anderer deutscher Analytiker seiner Generation so sehr eine Biographie verdient wie Schultz-Hencke. Von seinem Leben her ließe sich eine neue Perspektive auf die wechselvolle Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland vom Ende der 1920er bis in die 1950er Jahre gewinnen. Es war deshalb ein Grund zu erwartungsvoller Freude, als sich vor Jahren die Kunde verbreitete, dass der Potsdamer Psychoanalytiker Steffen Theilemann eine solche Biographie auf der Basis von viel neuem Material vorbereite. Diese Erwartung wird, das muss man zunächst verwinden, durch das vorliegende Buch enttäuscht: Es hört in dem Moment auf, in dem die Lebensgeschichte, die es erzählt, unter dem Aspekt der Psychoanalyse überhaupt erst anfängt. Der Grund ist offensichtlich und paradox: Theilemann ist ein Opfer seines Reichtums geworden. Er brach auf, eine Biographie Schultz-Henckes zu schreiben, und als er die Überfülle seines Materials - Tagebücher, Briefe, Publikationen vor allem aus den früheren Jahren - gewissenhaft aufgearbeitet hatte, war praktisch ein Forschungsbeitrag zur Geschichte der Jugendbewegung entsta