You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Lange Zeit war dies Buch nur ein Gerücht: Es sei für ein Verständnis des kampflosen Sieges der (mit dem großen Kapital und der Reichswehr liierten) NSDAP über die Arbeiterorganisationen - und der bis 1945 anhaltenden Gefolgschaftstreue der NS-Volksgemeinschaft - unentbehrlich, aber nirgendwo zu bekommen. Max Horkheimer, unter dessen Ägide Ende der vierziger Jahre die berühmten Studies in Prejudice erarbeitet und veröffentlicht wurden (darunter The Authoritarian Personality), sagte rückblickend , von den linken Psychoanalytikern habe ihm Wilhelm Reich in den theoretischen Fragen am nächsten gestanden.1
Reich war 1933 vor den Nazis aus Berlin über Wien nach Kopenhagen geflohen, wo er seine »Massenpsychologie« im Selbstverlag in ein paar hundert Exemplaren herausbrachte (von denen einige auch nach Deutschland hineingeschmuggelt wurden). 1934 erschien noch eine zweite Auflage. Dem von den Nazis ausgebürgerten Autor trug das Buch, das bald darauf mit allen anderen Schriften Reichs verboten wurde, zunächst die Ächtung durch die stalinistischen Organisationen der Komintern und durch die Psychoanalytische Internationale ein.
Im ersten Satz seiner Vorrede vom September 1933 sprach Reich von der »schweren Niederlage« der deutschen Arbeiterklasse, während KPD und Komintern noch bis 1934/35 eben dies - und ihre Verantwortung für diese Niederlage - leugneten und sich an die Illusion klammerten, Hitler werde bald »abgewirtschaftet« haben. Prompt wurde Reich in der moskauhörigen Presse als gefährlicher Dissident (»Trotzkist«) gebrandmarkt, und das war in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, als Stalins Geheimpolizei solche »Verräter« und »Volksfeinde« nicht nur in der Sowjetunion, sondern in aller Welt jagte, eine tödliche Drohung. Reichs Psychoanalytiker-Kollegen sahen (mit Freud an der Spitze) in ihm und seinen Schriften ein Risiko für den Bestand ihrer Organisation; sie wiegten sich in der Illusion, nach der Trennung von ihren jüdischen und sozialistischen Kollegen könne die d