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Die Geschichte der Psychoanalyse in Russland ist eng mit den Diskontinuitäten der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verwickelt. Nirgends außer in den Geburtsstätten Wien und Zürich wurde die Psychoanalyse so früh und umfassend rezipiert wie in Russland. Doch der kometenhafte Aufstieg der Psychoanalyse wurde durch den Ersten Weltkrieg und die Revolution von 1917 jäh unterbrochen und kam nach einem kurzen sowjetischen Neuanfang schließlich unter Stalin in den späten 20er Jahren abrupt zum Ende. Im Windschatten von Schlüsselfiguren wie Sabina Spielrein, Mosche Wulf, Nikolai Osipow gab es viele unbekannte Wegbereiter und Mitstreiter. Eine der ersten Pionierinnen der russischen Psychoanalyse war Tatjana Rosenthal .1 Sie hatte zu Lebzeiten nur zwei größere Aufsätze publiziert (Rosenthal 1911, 1919), und die einzige bekannte Quelle zu ihren Lebensumständen war bis vor Kurzem der Nachruf ihrer Kollegin Sarah Neiditsch in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse gewesen (Neiditsch 1921a, 1921b). Ihr tragisches Schicksal und ihr früher Suizid 1921 werfen noch heute viele Fragen auf. Ihre berufliche Tätigkeit als Ärztin und Psychoanalytikerin in St. Petersburg war bislang nahezu unbekannt.
Diesem Mangel an Wissen setzt die wissenschaftliche Biographie des jungen russischen Psychiaters und Historikers Leonid Ruwimowitsch Kadis »Ich bin jung, ich lebe, ich liebe… Die Tragödie der Tatjana Rosenthal« ein Ende. Beinahe hundert Jahre nach dem Tod Rosenthals hat er die Anstrengung unternommen, in einer akribischen Recherche 25 relevante Archive zu durchforsten und jeden kleinen Hinweis zu Tatjana Rosenthal zu sammeln.
Was er gefunden hat, sind viele Beweise ihrer Teilnahme und Vorträge an Konferenzen, ihrer Anstellungen an verschiedenen medizinischen Institutionen, ihrer Zusammenarbeit mit anderen Ärzten und Psychiatern. Kadis hat zumindest Hinweise auf 14 weitere Arbeiten Rosenthals gefunden. Von diesen Arbeiten sind zwei kleinere publiziert, zwei liegen als unpubliz