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Mit dem Untertitel »Zur Geschichte des Unbewussten (in) der Sowjetunion« präsentiert der in St. Petersburg lebende Philosoph und Psychoanalytiker Viktor Mazin »Die Akte Tiflis« als ein doppeltes historisches Ereignis. Anfang Oktober 1979 fand in der Hauptstadt Georgiens ein Psychoanalyse-Kongress über das Unbewusste mit über zweihundert Teilnehmern aus verschiedenen Disziplinen und Sprachräumen statt. Zuvor schon, 1978, waren in der Sowjetunion die »Akten« des Kongresses als eine dreibändige Publikation auf Russisch und Englisch erschienen, der 1985 ein vierter Band folgte. Die Klammer in der Formulierung vom »Unbewussten (in) der Sowjetunion« weitet unseren Erwartungshorizont: Theoriegeschichte zu diesem Begriff und deskriptiv Unbewusstes (also »Was in der Sowjetunion alles nicht bewusst ist«), vielleicht spezifisch sowjetische Ausprägungen des Systems Ubw. (Topik des seelischen Apparats) und Träume, Symptombildungen, Triebschicksale, Sublimierungen, die das psychische System in jenem politischen System hervorzubringen vermag.
Mazin legt weniger eine psychoanalytische Studie denn einen politischen Bericht vor. Ihn interessiert, wie dieses einmalige und anscheinend bald vergessene Großereignis in dem Machtgefüge der Breschnew-Ära nach vierjähriger Vorbereitungszeit zustande kommen konnte. Als ein Hauptmotiv sieht er die Entwicklung in der Außenpolitik, »das Streben der sowjetischen Regierung nach Entspannung, nach Festigung der ökonomischen und wissenschaftlichen Beziehungen mit dem Westen - und de[n] Wunsch, den Eindruck einer offenen Gesellschaft zu vermitteln« (so zitiert er Vadim Rotenberg) (S. 25). »Das Symposium von 1979 war also ein Symptom der widersprüchlichen Wettläufe des Kalten Kriegs, die eine sowjetische Alternative zu Sigmund Freud unabkömmlich erscheinen ließen« (S. 27).