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»Er beobachtet alles kolossal genau« lautet der Titel, unter dem Ludger M. Hermanns und Gisela Schneider-Flagmeyer das Tagebuch von Sophie Halberstadt-Freud über die ersten Lebensjahre ihres 1914 geborenen Sohnes Ernst herausgegeben haben. Die von Sophie Halberstadt-Freud handgeschriebenen Seiten und einige Notizzettel aus dem Nachlass werden originalgetreu transkribiert wiedergegeben und durch einige Fotografien und vier Kurzbeiträge ergänzt. Die Titelseite des schmalen Bandes (er umfasst 107 Seiten) zeigt
den kleinen Ernst auf den Armen seiner Mutter, der sich seinem Vater, dem Fotografen Max Halberstadt, zuwendet und freudig lacht.
In einem sehr persönlichen Vorwort beschreibt die Psychoanalytikerin Gisela Schneider-Flagmeyer, die von 1982 bis zu seinem Tode 2008 die Lebensgefährtin von Ernst Freud war, ihr Zusammensein: erste Jahre großer Verliebtheit, in denen Ernst Freud nach dem Tod seiner Tante Anna Freud von London nach Köln übersiedelte, weitere Jahre, die von den Auseinandersetzungen des Paares und dem Tod von Ernst Freuds einzigem Sohn geprägt waren, und seine letzten Lebensjahre in Heidelberg, in denen er pflegebedürftig wurde.
In dem Tagebuch von Sophie Halberstadt-Freud, die bei der Geburt ihres Sohnes Ernst Wolfgang im März 1914 fast 21 Jahre alt ist und ihn selbst stillt, finden sich regelmäßige, detaillierte Aufzeichnungen zu seinem Gewicht, seiner Nahrung, seinem Verhalten und Ausdruck (»heute, 4. Juni hat er zum ersten Mal laut gelacht, wenn er in die Badewanne kommt ist er überhaupt immer am vergnügtesten«, S. 23), seiner Sprachentwicklung (»Er hält ganze Monologe in allen Tonlagen, […] und freut sich riesig darüber«, S. 29) und besonderen Ereignissen, wie seiner Beschneidung, »durch die er ziemlich herunterkommt« (S. 22). Aufmerksam beobachtet die junge Mutter ihre oft glücklichen Interaktionen (z. B. »auch in meinen Mund steckt er seinen Finger und lacht vor Freude […]. Wenn man ihm laut vorsingt oder laut spricht so greift er nach dem Mund,