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Sexualwissenschaft und Psychoanalyse entstanden als neue Denkstile der Moderne gleichzeitig an der Schwelle zum 20. Jahrhundert vornehmlich im deutschsprachigen Raum. Zwischen beiden Feldern gibt es zahlreiche Gemeinsamkeiten und Verflechtungen, nicht nur im Hinblick auf Themen, Personen und Organisationen, sondern insbesondere auch auf ihr Selbstverständnis als vollwertige und eigenständige medizinische Subdisziplinen; und nicht zuletzt war die Mehrheit der Protagonist*innen hier wie dort jüdischer Herkunft. Aufgrund des virulenten zeitgenössischen Antisemitismus, aber auch aufgrund ihres zentralen Erkenntnisgegenstandes, der als nicht wissenschaftswürdig betrachteten menschlichen Sexualität, hatten beide Fächer - trotz intensiver Bemühungen - gleichermaßen Schwierigkeiten, in akademischen Institutionen Fuß zu fassen. Das war der Fall, obwohl sie ihren wissenschaftlichen Anspruch durch die Herausbildung eines eigenständigen Korpus von Monografien und Fachzeitschriften, die Entwicklung therapeutischer Konzepte sowie die Gründung nationaler und internationaler Fachorganisationen unter Beweis stellten. Dennoch blieb beiden die Integration in den universitären Betrieb zumindest in Deutschland bis 1933 (und natürlich auch darüber hinaus) verwehrt.
Andererseits gab es auch Unterschiede zwischen den beiden Fächern. Die Reichweite ihres Anspruchs, zum Verständnis des modernen Subjekts beizutragen, war verschieden. Und während die Sexualwissenschaft eher naturwissenschaftlichdeterministisch vorging, dominierte in der Psychoanalyse ein deutend-hermeneutisches Verfahren. Differenzen gab es ferner hinsichtlich des sexualpolitischen Engagements für eine Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse, der sexualaufklärerischen und -beraterischen Tätigkeit in der Breite der Gesellschaft und, nicht zuletzt, des therapeutischen Verfahrens. Besonders in der Frage nach der Erklärung, Bewertung, Therapiewürdigkeit und Therapierbarkeit der Homosexualität und den sich daraus ergebenden stra