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Dass Sigmund Freud im Zuge seines Studiums in den Jahren 1874-1876 Lehrveranstaltungen des Philosophen Franz Brentano belegt hat, ist in der Freud-Forschung seit 1951 bekannt.1 Und seit der Veröffentlichung 1989 von Freuds Briefen an seinen Jugendfreund Eduard Silberstein wissen wir nicht nur, dass er diese Veranstaltungen wirklich besucht hat, sondern auch, dass er Brentano sehr schätzte; außerdem erfahren wir dort einiges über den Inhalt der mit ihm geführten Gespräche. Bemerkenswert ist vor allem die Episode, wie ein von Brentano mit Hilfe physikalischer Gesetzmäßigkeiten durchgeführter »Gottesbeweis« den materialistisch und atheistisch gesinnten Freud nicht nur dazu bewog, »notgedrungen« eine Zeitlang die Existenz Gottes zu akzeptieren, sondern auch dazu beitrug, dass er den Vorsatz fasste, einen Doktortitel in Philosophie anzustreben.2 Es gibt, besonders seit der Veröffentlichung der Silberstein-Briefe, in Aufsätzen und Büchern zur Freud-Forschung (und auch zur Brentano-Forschung) eine Vielzahl von Äußerungen zum Einfluss Brentanos auf Freud. Einige davon hat Erwin Kaiser in der vorigen Ausgabe von Luzifer-Amor in einem Aufsatz (2023) kritisch beleuchtet.3 Kaiser betont zu Recht, dass es oft zu Überschätzungen bzw. Fehleinschätzungen dieses Einflusses kam. Vor allem kann man ihm in einem Hauptpunkt seiner Argumentation zustimmen: Zwar hatte sich Brentano auch mit Psychologie befasst - gerade 1874 hatte er sein Werk Psychologie vom empirischen Standpunkte veröffentlicht -, doch aus Freuds Teilnahme an Brentanos Lehrveranstaltungen, dem persönlichen Kontakt der beiden und aus Wortähnlichkeiten zwischen Begriffen in Brentanos Psychologie und solchen in Freuds Psychoanalyse darf nicht einfach auf ein Einfluss-Verhältnis geschlossen werden. In der Tat ist fraglich, wieweit Freud Brentanos Psychologie überhaupt zur Kenntnis genommen hat. Was er bei ihm belegte, waren Veranstaltungen zur Philosophie, nicht zur Psychologie. Und es scheint keinerlei Hinweis darauf zu ge